Serie: Das Schulsystem macht Schülern das Lernen schwer

Trotz allem Streit um Bildungsreformen sind sich in einem Punkt so gut wie alle einig: Schüler sollen möglichst viel lernen. Und dennoch erschwert das Schulsystem das Lernen eher, statt es zu unterstützen. Dabei wissen Bildungsforscher und Schulpraktiker inzwischen ziemlich genau, was beim Lernen hilft.

„Warum soll ich das lernen?“ Diese naheliegende Frage stellen Schülerinnen und Schüler mir überraschend selten. „Non vitae, sed scholae discimus“, wusste schon Seneca. Und die meisten SuS scheinen sich damit abgefunden zu haben, dass der einzige Sinn des Lernens in der Schule, das Lernen für die Schule, für Klausuren und Noten ist.

Die Antwort auf die Frage, warum SuS lernen sollen, hängt meist davon ab, wen man fragt. Eltern sehen das Lernen in der Schule unter anderem als Unterstützung bei der Erziehung. Politiker bezeichnen Wissen gerne als wichtigste Ressource im Wettbewerb mit anderen Nationen. Wirtschaftsvertreter möchten, dass die Schule den Nachwuchs zu produktiven Arbeitskräften ausbildet. Philosophen sprechen mehr oder weniger abstrakt von Bildung. Immerhin bei einer Sache sind sich alle einig: Eine gute Schule ist eine, in der die Schüler viel lernen.

Ein gutes Schulsystem sollte also so gestaltet sein, dass die SuS möglichst viel gelernt haben, wenn sie die Schule verlassen. Angesichts der gefühlten Realität in vielen Klassenzimmern stellt sich allerdings oft sogar die Frage, ob Schüler überhaupt etwas lernen.

Sicherlich ist Unterricht nicht immer so öde und lernfeindlich wie im Teenager-Film-Klassiker „Ferris macht blau“. Doch wahrscheinlich kann sich jeder an Schulstunden erinnern, in denen er mehr vergessen als gelernt hat. Das lag sicherlich oft am Lehrer. Es wäre aber zu simpel, die Verantwortung dafür alleine uninspirierten und demotivierten Lehrern in die Schuhe zu schieben. Das Problem ist viel grundlegender. Meine These lautet:

Das Schulsystem fördert Lernprozesse nicht, sondern behindert sie

Bevor ich diese These in den kommenden Wochen untermauere, möchte ich zunächst zentrale Voraussetzung für erfolgreiches Lernen beschreiben. Generationen von Philosophen, Pädagogen und Bildungsforschern haben sich Gedanken über gute Rahmenbedingungen fürs Lernen gemacht. Inzwischen ist relativ gut erforscht, was Lernprozesse befördert und was ihnen schadet. Einige zentrale Aspekte möchte ich schon jetzt vorstellen. Im Rückgriff auf dieses Lern-Utopia werde ich dann die traurige Lernrealität in den kommenden Wochen beschreiben und kritisieren.

Lernen funktioniert am besten ganzheitlich

Lernen funktioniert mit Kopf, Herz und Hand. Sagte Johann Heinrich Pestalozzi. Hirnforscher sagen heute: Lernen ist dann erfolgreich, wenn nicht nur der Verstand, sondern auch die Sinne, die Gefühle und der Körper einbezogen werden. Vor allem die Rolle der Gefühle wurde lange Zeit unterschätzt: Das Gehirn speichert Informationen viel zuverlässiger, wenn sie mit Gefühlen verbunden sind – wenn wir sie zum Beispiel spannend oder überraschend finden. Besonders die Erlebnispädagogik greift diesen Gedanken auf.

Lernen durch selbständiges Handeln

„Erzähle mir und ich vergesse. Zeige mir und ich erinnere mich. Lass es mich tun und ich verstehe.“ Sagte Konfuzius. Das Zitat des chinesischen Philosophen wird heute vor allem im Zusammenhang mit dem Konzept des handlungsorientiertem Lernen verwendet: Dabei geht man davon aus, dass Schüler mehr lernen, wenn sie nicht passiv zuhören müssen, sondern selbst aktiv werden.  Besonders gut geht das zum Beispiel im Rahmen von projektorientiertem Unterricht oder im Rahmen von außerunterrichtlichen Aktivitäten wie Arbeitsgemeinschaften.

Lernen erfordert Motivation

„Lehren heißt nicht, ein Fass zu füllen, sondern eine Flamme zu entzünden.“ Sagte Heraklit. Ein Schultag aus Schülersicht besteht viel zu oft aus: „Du musst“, „Du musst“, „Du musst“. Bei vielen geht das auch am Nachmittag weiter, wenn die Eltern zu Hause ihr Kinder zu Höchstleistungen antreiben wollen. Lernen funktioniert dann besser, wenn aus „Du musst“ ein „Ich will“ wird. Das geht nur, wenn Lehrer den Unterricht spannend und motivierend gestalten und auch auf die Interessen und Wünsche der SuS eingehen.

Lernen braucht Lebenswelt-Bezug

„Kinderspiele sind es, die wir da spielen. An überflüssigen Problemen stumpft sich die Schärfe und Feinheit des Denkens ab; derlei Erörterungen helfen uns ja nicht, richtig zu leben, sondern allenfalls, gelehrt zu reden.“ Sagte Seneca. Auch heute noch hat der Schul-Stoff wenig mit dem Leben der Schüler zu tun – er bleibt ihnen oft fremd. Guter Unterricht greift die Lebenswirklichkeit der SuS auf und thematisiert politische oder gesellschaftliche Ereignisse die die SuS bewegen.

Lernen mit guten Materialien als Zugang zur Welt

„Unser Material soll Helfer und Führer sein für die innere Arbeit des Kindes. Wir isolieren das Kind nicht vor der Welt, sondern geben ihm ein Rüstzeug, die ganze Welt und ihre Kultur zu erobern.“ Sagte Maria Montessori. Gute Unterrichts-Materialien holen die Welt in den Klassenraum. Sie machen Unterrichtsstoff im wahrsten Sinne des Wortes greifbar.

Auch Ich-Sein will gelernt sein

„Der Mensch wird am Du zum Ich“. Sagte Martin Buber. Die Entwicklung einer gefestigten Persönlichkeit ist die Grundlage für selbstbewusstes Lernen. Dafür ist der persönlicher Umgang mit den Mitschülern und den LuL viel wichtiger als die trigonometrischen Funktionen. Eine gute Schule gibt Raum und Zeit für das gemeinsame Mensch-Werden.

Lernen ist Netzwerken

„Unser Wissen ist ein zusammenhängendes Netz aus Überzeugungen.“ Sagt William van Orman Quine. Wenn lernen nachhaltig sein soll, müssen die Wissensinseln namens Deutsch, Kunst, Physik oder Erdkunde miteinander verbunden und vernetzt werden. Mit je mehr anderen Informationen Wissen verbunden wird, desto nachhaltiger wird es im neuronalen Netz unseres Gehirns abgespeichert und desto leichter lässt es sich später abrufen und anwenden.

Lernen braucht Übung

„Übung macht den Meister.“ Sagt der Volksmund. Üben und Wiederholung ist eine der effizientesten Lernstrategien sagen die Hirnforscher. Es braucht Zeit, Kenntnisse zu festigen und Fähigkeiten in verschiedenen Kontexten zu erproben.

Lernen ist individuell

„Jeder Jeck is anders.“ Sagt der Kölner. Jeder Jeck lernt anders könnte man hinzufügen. Manche Menschen können gut auswendig lernen. Manchen arbeiten gerne kreativ. Manche verstehen schnell, manche langsam, aber dafür gründlich. Wenn SuS viel lernen sollen, muss der Unterricht auf die verschiedenen Bedürfnisse eingehen, damit alle ihre Stärken nutzen und an ihren Schwächen arbeiten können.

Lernen braucht konstruktives Feedback

„Irrend lernt man.“ Sagte Johann Wolfgang von Goethe. Wer lernen will, muss sich trauen Fehler zu machen. Und bereit sein daraus zu lernen. Das funktioniert nur dann, wenn sowohl LuL als auch SuS gemeinsam eine konstruktive Feedback-Kultur entwickeln – jenseits vom Noten-Druck.

Lernen braucht eine gute Atmosphäre

„Wenn du gerne lernst, wirst du auch viel lernen.“ Sagt Isokrates. Eine Voraussetzung dafür ist, dass sich die SuS in ihrer Lerngruppe wohl fühlen. Ein gutes Unterrichtsklima ist aber keine Selbstverständlichkeit, sondern muss erarbeitet und gepflegt werden.

So einfach ist das? So einfach könnte das sein!

Die aufgezählten Voraussetzungen für gutes Lernen sind nahezu unumstritten und wahrscheinlich auch ohne pädagogische Ausbildung einsichtig. Umso frustrierender ist es als Lehrer, dass das Schulsystem Pädagogen erschwert, entsprechende Lernbedingungen zu schaffen. Wie es dieses Kunststück vollbringt, werde ich in den kommenden Wochen im Einzelnen zeigen.

Bild: Anne Garti / pixelio.de

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