Schaubild Schulsystem-Kritik aus Schüler-Sicht

Über die Pflicht des Lehrers zur Kritik am Schulsystem

In persönlichen Gesprächen drücken Lehrerinnen und Lehrer oft ihr Unbehagen über unser Schulsystem aus. Im öffentlichen Diskurs über Bildung sind die Stimmen der Pädagogen aber eher selten zu hören. Ein Plädoyer für mehr Einmischung im Sinne der Schüler.

Nicht zum ersten Mal wurde ich mit dem Hinweis konfrontiert, lieber meine pädagogische Haltung zu hinterfragen, statt über das System zu klagen. So hinterließ ein Lehrer folgenden Kommentar auf meiner Website:

„Also das Schimpfen auf das Bildungssystem ist wohlfeil. Ich arbeite lieber an meiner Haltung: was liegt in meinem Steuerungsbereich? Und ich fahre zur Zeit gut damit. Ich kann das System nicht ändern. Seitdem ich das einsehe, bin ich ein guter Lehrer, der sich mit Lust und Kreativität täglich neu von den SuS (und den LuL) inspirieren lässt. Ich plädiere für einen Perspektivwechsel. Und ich empfehle dem Klagegeist eine gute Portion Supervision!“

Ich möchte diesen Kommentar zum Anlass nehmen, zu erklären, warum es zur Verantwortung guter Lehrer gehört, das bestehende System öffentlich zu kritisieren. Um diese Pflicht zur Kritik zu verstehen, ist ein dreifacher Perspektivwechsel nötig.

Perspektivwechsel 1: Das Schulsystem aus Schülersicht

Es ist unerlässlich aus der Perspektive der Schülerinnen und Schüler (SuS) auf das Schulsystem zu schauen. Im Rahmen des Philosophie-Unterrichtes habe ich mit SuS über ihre Sicht auf das Schulsystem gesprochen. Ergebnis der Schulkritik war unter anderem folgendes Schaubild:

Schaubild: Schulsystem-Kritik aus Schüler-Sicht

Schaubild: Schulsystem-Kritik aus Schüler-Sicht

Das Schulkritik-Netzwerk ist das abstrakte Ergebnis eines sehr persönlichen Austausches. Ich musste mehr als einmal schlucken, als die SuS dabei ihren Frust und ihre Ohnmacht offenbarten:

  • Die SuS stehen unter einem immensen Leistungsdruck, der körperliche und psychische Spuren hinterlässt.
  • Wenn die SuS gute Leistungen bringen wollen, haben sie sehr wenig Zeit für ihr Interessen und sozialen Kontakte.
  • SuS verbinden ihre Schulzeit vor allem mit Verpflichtungen und Zwang.
  • SuS fühlen sich fremdbestimmt von einem System, zu dem sie keine Alternative haben.
  • Die einzige Motivation zum Lernen sind meist gute Noten.

In dem Gespräch wurde deutlich: Was die SuS in den letzten Jahren in der Schule getan haben, hatte wenig mit ihnen zu tun. Was sie spüren, ist eine Form der Entfremdung von sich und ihrer Bildung. Wer aus der Perspektive von SuS auf das Schulsystem schaut, muss zu dem Schluss kommen: Wir schulden ihnen etwas besseres.

Perspektivwechsel 2: Von der Verantwortung des Systems

Ausgehend von dieser Diagnose, muss ich mich als Pädagoge selbst in Frage stellen. Ich habe Verantwortung für die Bildung der mir anvertrauten SuS. Es ist aus meiner Sicht die Pflicht eines jeden Pädagogen sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für das Wohl der SuS zu engagieren. Vor diesem Hintergrund muss ich tatsächlich immer wieder mein Tun und meine Haltung hinterfragen.

Eine kritische Perspektive der Pädagogen auf sich selbst genügt aber nicht, um zu verstehen, was faul ist im Schulsystem. Denn der Blick auf die Verantwortung des Einzelnen verstellt die Perspektive auf die Zwänge des Schulsystems. Vieles was aus Sicht der Schüler schief läuft, ist eben nicht auf persönliches Versagen, sondern auf systematische Mängel zurückzuführen. In meiner aktuellen Artikel-Serie zum Lernen versuche ich etwa zu zeigen, dass SuS mit mehr Spaß und mehr Freiheit lernen könnten – wenn das Schulsystem sie ließe.

Das System schränkt LuL in Ihrem Schaffen und SuS in ihrem Lernen ein. Mir ist deshalb vollkommen unklar, wieso ich mich wie im Kommentar gefordert mit dem System abfinden sollte. Im Gegenteil: Wer ein wirklich guter Lehrer werden will, muss das System verändern wollen, damit er ein guter Lehrer werden kann.

Perspektivwechsel 3: Lehrer sind Bürger haben Verantwortung

Klagen über das System können tatsächlich „wohlfeil“ sein, wenn es dabei bleibt, sich selbst zu bemitleiden und die Verantwortung von sich weg zu schieben. Womöglich ist das Bild der Lehrer in der Gesellschaft oft negativ, weil sie nicht selten ihre eigene Belastung, statt die Situation der SuS zu beklagen.

Natürlich ist es wichtig, in seinem „Steuerungsbereich“ Dinge anzugehen, um die Schule im Sinne der SuS zu verändern. Solches persönliches Engagement entbindet aber nicht von der Pflicht, Verantwortung für eine Veränderung eines insgesamt mangelhaften System zu übernehmen. Eine fatalistische Einstellung á la „Ich kann das System nicht ändern“ stützt die bestehenden Verhältnisse. Daran erinnert mich immer wieder ein Zitat von Richard von Weizsäcker, das in großen Lettern an einer Wand in unserer Schule steht: „Jeder ist verantwortlich für das, was er geschehen lässt.“

Ich klage nicht, ich klage an!

In diesem Sinne ist es unsere Verantwortung als Zivilbürger, unsere Stimme zu erheben, wenn wir auf Missstände stoßen. Deshalb entgegne ich dem Kommentar ausdrücklich: Ich klage nicht, ich klage an! Ich möchte mich nicht wie der oben zitierte Kollege mit unserem Schulsystem abfinden. Wir leben in einer Demokratie, in der wir Dinge verändern können. Es gibt genügend Beispiele im In- und Ausland, die zeigen, dass gute Alternativen zu unserem Schulsystem existieren.

Weil wir als Lehrer direkt mit den Problemen im Schulsystem konfrontiert werden, könnten wir eine tragende Rolle bei der politischen Auseinandersetzung über Reformen spielen. Im öffentlichen Diskurs sind Lehrer aber wenig präsent: Stattdessen diskutiert im Fernsehen zum Beispiel ein Philosoph mit einem Neurowissenschaftler über das Schulsystem.

„Die Reaktionen sind heftig, denn es geht um alles“

Wenn uns als LuL das Wohl der SuS wirklich am Herzen liegt, haben wir die Pflicht, ebenfalls unsere Stimme zu erheben. Und weil ich diese Verantwortung sehr ernst nehme, kann ich mich nicht, wie vom Kollegen empfohlen, einfach auf mich und meine Haltung konzentrieren oder mir meine Wut über die Zustände durch eine Supervision wegberaten lassen. Der Philosoph Peter Bieri spricht mir aus der Seele, wenn er in seiner Rede über Bildung davon spricht, warum er Angriffen auf die Bildung nur mit Leidenschaft begegnen kann:

Die Reaktionen sind heftig, denn es geht um alles: um Orientierung, Aufklärung und Selbsterkenntnis, um Phantasie, Selbstbestimmung und moralische Sensibilität, um Kunst und Glück. Gegenüber absichtlich errichteten Hindernissen und zynischer Vernachlässigung kann es keine Nachsicht geben und keine Gelassenheit.

Wer sich in diesem Sinne nicht einfach mit den Bildungslücken im Schulsystem zufrieden geben will, kann mich gerne kontaktieren unter info@bildungsluecken.net. Ich suche weiterhin Mitstreiter für dieses Blog-Projekt.

9 Gedanken zu „Über die Pflicht des Lehrers zur Kritik am Schulsystem

  1. C.R.

    Es kann tatsächlich nicht oft genug unterstrichen werden, wie entscheidend gute Rahmenbedingungen für gelingende Bildung sind. Denn es findet sich bisweilen immer wieder Behauptungen, dass die Rahmenbedingungen nicht entscheidend seien – wie etwa durch eine Fehlinterpretation der Hattie-Studie, hinsichtlich der Wirksamkeit kleiner Klassen ( vgl.: https://unzeitgemaess.wordpress.com/2014/06/25/hattie-und-kleinere-klassen-sind-doch-wichtig/ )

    Lehrer als Experten sind für schulpraktische Bildung tatsächlich im öffentlichen Diskurs unterrepräsentiert, im Gegensatz zu anderen, wo man sich überspitzt fragt, wann sie das letzte Mal eine Schule von Innen gesehen haben und woher sie diese Kompetenz (im Sinne von Zuständigkeit) nehmen, dass man auf die Perspektive der Schulpraktiker verzichten kann (siehe auch: http://www.zeit.de/2013/36/bildung-schulrevolution-bestsellerautoren ).

    Somit ist nicht nur mit Blick auf Bieri zu fordern, das Lehrer eine Pflicht zum öffentlichen Vernunftgebrauch haben. Anderseits muss es eben auch einen Raum geben dieser Pflicht nachzugehen – womit wir wieder bei den Rahmenbedingungen wären. Wir brauchen eine kritische Schulkultur – und eine solche, so eine Schülerin zu mir, sähe sie am ehesten im Philosophieunterricht realisiert.

  2. Asmus Ring

    oops… das ist jetzt aber viel arbeit, das alles zu lesen… und nachzuvollziehen. … Auch kommt es vielleicht darauf an, mit welcher haltung ich die SuS frage. Eine fragestellung provoziert ja vielleicht auch schon die antwort? Natürlich klagen die SuS – gnau wie die LuL (!) – immens über die beslatungen die das system uns aufdrückt; und natürlich gibt es unglaublich vieeeeel zu kritisieren. Dennoch hilft es mir bei meinen täglichen bemühungen, die kids bei der stange zu halten, dass ich den bereich, den ich direkt verantworte, im blick habe: meinen unterricht und der konakt zu den mir anvertrauten SuS. Die pflicht zur kritik ist ein hehere Ziel. Da weiß ich noch nicht, wie ich das sehen soll…
    LG bis später
    Axsmus

    1. D.S. Artikelautor

      Lieber Asmus,

      ich habe die SuS mit der Haltung der Neugier befragt: Mich interessierte einfach, wie sie ihre Schulzeit empfunden haben und was sie daran gehindert hat, mit Freude zu lernen. Darüber haben wir in einer meiner Wahrnehmung nach vertrauensvollen Atmosphäre gesprochen. Insofern hoffe ich natürlich, dass sie sich nicht zu besonders kritischen Antworten genötigt gefühlt haben.

      Natürlich nutzen die SuS diese Möglichkeit auch als Ventil um ihren Frust los zu werden. Aber das ist ja auch okay. Was mich nachdenklich stimmt: Eine Aussage war, dass sie sonst in der Schule kaum Gelegenheit haben, über ihre Belastungen zu sprechen.

      Ich gebe Dir recht: Unabhängig von den systematischen Umständen haben Lehrer die Verantwortung guten Unterricht zu machen und mich um das Wohl der SuS zu kümmern. Vor allem in der Oberstufe sind meine Freiräume durch das Zentralabitur so stark eingeschränkt, dass meine Handlungsspielräume gering sind: Das System schränkt die Freiheit ein und baut den Druck auf. Ich kann da nur wenig daran ändern. Und deswegen bleibt mir nichts anderes übrig, als das System zu kritisieren.

  3. M. Vogt

    Zitat: „Dennoch hilft es mir bei meinen täglichen bemühungen, die kids bei der stange zu halten, dass ich den bereich, den ich direkt verantworte, im blick habe: meinen unterricht und der konakt zu den mir anvertrauten SuS.“

    Und genau in dieser Bemühung liegt das ganze Dilemma der Schule. Die Anmaßung, Menschen unter 18 Jahren zu Schülern zu degradieren und dem Diktat der Leerplan- und Prüfungswirtschaft zu unterwerfen;. (Ja, richtig: Leerplan). Was hat unser Schulzwang bitte mit (an)Vertrauen zu tun? Ihnen werden Menschen vor die Nase gesetzt und müssen gehorchen. Kommt darin nicht gerade das ganze Misstrauen gegenüber den jungen Leuten zum Ausdruck.

    Im Leben außerhalb von Belehrungs- und Erziehungsanstalten sucht sich der Lernende den Lehrenden aus. Und dann wird auch ein Schuh aus dem Lernprozess. Er/Sie kann nämlich „Nein“ sagen und weggehen, wenn es der falsche Lehrer war und er/sie hat die Freiheit abzubrechen, wenn er/sie feststellt, dass das Thema doch nicht so interessant ist, wie ursprünglich gedacht.

    So wie Menschen Selbstfütterer sind, sind sie Selbstlerner und so wenig wie sie zwangsernährt werden müssen, müssen sie zwangsbelehrt werde. Sie müssen stattdessen ein Umfeld vorfinden, in dem sie sich entwickeln können und keines wo man ihnen Vorschriften macht.

    Ausdrückliche Zustimmung an Ihrem Zweifel an der Sinnhaftigkeit von Kritik am Schulsystem. Die kratzt meist nur an der Oberfläche. Diejenigen Lehrer, die das grundlegende Problem der Institution „Schule“ erkannt haben, die strukturelle Gewalt nämlich, dürften ehrlicherweise keinen einzigen Tag länger in ihr arbeiten.

    Titel eines Internetvideos: „Schulpflicht ist staatlich organisierte Kindesmisshandlung“

    LG Matti

    1. D.S. Artikelautor

      Lieber Matti,

      hier stimme ich Dir vollkommen zu:

      „So wie Menschen Selbstfütterer sind, sind sie Selbstlerner und so wenig wie sie zwangsernährt werden müssen, müssen sie zwangsbelehrt werde. Sie müssen stattdessen ein Umfeld vorfinden, in dem sie sich entwickeln können und keines wo man ihnen Vorschriften macht.“

      Ich glaube aber weiterhin, dass auch eine Schule eine solche Umgebung bieten kann, wenn sie den Schülern die nötige Freiheit zur Gestaltung ihrer Lernprozesse lässt. Mir ist nicht klar, warum eine jede Schule per se strukturelle Gewalt ausüben sollte. Das kommt eben auf die Strukturen an.

      Viele Grüße
      D.S.

      1. Matti

        Guten Abend Herr Schönberg,

        selbstverständlich KÖNNTEN Schulen eine lernfreundliche Umgebung schaffen und einige wenige gibt es ja auch schon; solche nämlich mit demokratischen Strukturen. Allerdings gibt es eine Besonderheit bzgl. der Schulen, die Deutschland mit nur ganz, ganz wenigen Ländern teilt und das ist der Schulzwang, der vernebelnd „Schulpflicht“ genannt wird. Menschen, nur weil die minderjährig sind, vorzuschreiben, wo sich sich ein Jahrzehnt lang aufzuhalten haben und ihnen Vorschriften darüber zu machen, was sie dort zu tun und zu lassen haben, ist strukturelle Gewalt. Mag sie auch noch so freundlich daher kommen.

        Ein zweiter Punkt zählt für mich ebenfalls zur strukturellen Gewalt: die Erziehung. Ich weiß nicht, ob ich es anmaßend oder absurd finden soll, dass der Staat für sich ein Recht zur Erziehung beansprucht und dieses Recht mit dem gesetzlichen Zwang zum Schulbesuch durchzusetzen versucht. Was waren da für Leute am Werk, die ausgerechnet diesen Teil des Reichsschulgesetzes von 1938 in die neue Gesetzgebung der jungen Bundesrepublik übernommen haben. Ein Zufall kann es nicht sein, denn der Zwang zum Schulbesuch, nebst Erziehungsauftrag findet sich in den Schulgesetzen aller Bundesländer wieder.

        Wenn wir in Sachen „Selbstfütterer und Selbstlerner“ übereinstimmen, warum bedarf es dann der Zwangsbelehrung aber nicht der Zwangsernährung? Apropos:

        http://www.leben-ohne-schule.de/matthias.kern/kantinengesetz.html

        Solange der gesetzliche Schulzwang existiert, bleibt die Schule für mich inakzeptabel; selbst dann, wenn es nur noch freundliche Lehrer in ihr gäbe, die vorgeben, nur das Beste für diejenigen zu wollen, die ihnen ausgelieferten sind.

        Die von Ihnen geforderte Autonomie beim Lernen ist erst dann Realität, wenn das Lernen wieder vom Kopf auf die Füße gestellt ist: Der Lernende stellt die Fragen und der Lehrende gibt die Antworten. Die Schulrealität ist das genaue Gegenteil.

        Ihnen einen schönen Abend
        Matti

      2. M. Vogt

        Guten Abend Herr Schönberg,

        ich wollte meiner grundlegenden Kritik am System „Schule“ noch die Sichtweisen unterschiedlichster Menschen zum Thema „Leben ohne Schule“ gegenüber stellen. Sie kommen nicht so aggressiv daher, wie ich mit meinen Kommentaren. Ich bin halt immer noch wütend darüber, was mir vor Jahrzehnten in der Schule wiederfahren ist. Wofür Sie aber gar nichts können.
        http://www.leben-ohne-schule.de/artikel1.html

        Außerdem die Webseite einer Schweizer Familie mit 5 Kindern, von denen keines eine Schule besucht und trotzdem alle gebildet sind.
        http://pro-lernen.ch/

        Meine Aggression ließe schlagartig nach, wenn eine Leben ohne Schule – wie fast auf der ganzen Welt – auch in Deutschland legal möglich wäre. Ich weiß nicht, warum wir uns so viel auf unseren gesetzlichen Schulzwang einbilden. Vielleicht, weil wir Erfinder desselben sind. Wer gibt schon gerne zu, dass die eigene Erfindung so wenig taugt?

        Liebe Grüße aus Berlin und einen schönen Abend
        Matti

        1. D.S. Artikelautor

          Lieber Matti,
          die Grundlage der Schulpflicht ist ja letztlich das Menschenrecht auf Bildung. Schließlich kann eine fehlende Schulpflicht auch dazu führen, dass Kinder überhaupt keine Bildung erhalten, da Eltern nicht immer dafür Sorge tragen können oder wollen.
          Ich glaube deswegen, dass die Schulpflicht nicht das vorrangige Problem ist. Vielmehr sollte uns daran gelegen sein, das Schulsystem so zu gestalten, dass junge Menschen den Schulbesuch nicht mehr als Zwang, sondern als Bereicherung empfinden.
          Viele Grüße
          D.S.

          1. Matti

            Zitat: „die Grundlage der Schulpflicht ist ja letztlich das Menschenrecht auf Bildung. Schließlich kann eine fehlende Schulpflicht auch dazu führen, dass Kinder überhaupt keine Bildung erhalten“

            Ich glaube nicht, dass man Bildung erhält. Das Menschrecht, frei SICH zu bilden, hat nichts mit gebildet werden zu tun und schon gar nichts mit der Schulpflicht, die – ich wiederhole mich, weil ich es für wichtig halte – ein Zwang ist. Bildung kann unter Zwang nicht gelingen.

            Für mich hat die SchulAUSbildung auch nichts mit Bildung zu tun. Bildung ist in der Schule ein Zufallsprodukt und findet vielleicht dann statt, wenn der Lehrplan – vermittelt durch den Lehrer – auf eine Interesse beim Schüler trifft. Wie oft geschieht das im Schulalltag? Wie viele Schüler einer Klasse interessieren sich für die Fotosythese, wenn sie Dienstag um Neun Uhr Vormittags auf dem Stundenplan steht?

            Ich glaube, dass der Anteil derjenigen Eltern, die nicht dafür sorgen, dass sich ihre Kinder frei bilden können, kleiner ist, als der Teil der Kinder und Jugendlichen, die durch das „Schulraster“ fallen. Man schaue sich nur die offiziell veröffentlichten Zahlen derer an, die ohne Schulabschluss die Institution verlassen. Nicht, dass ich Schulabschlüsse für wichtig hielte, aber „die Gesellschaft“ hält sie für wichtig und diskriminiert jene, die keinen besitzen.

            Für mich ist der Schulzwang das alles entscheiden Problem. Wenn wir davon ausgehen, dass Bildung nur gelingen kann, wenn Lernende und Lehrende eine gleichwürdige (keine gleichberechtigte) Beziehung pflegen, ist es ausgeschlossen, dass die Partei der Lernenden in die Beziehung gezwungen werden kann; ja, sich nicht mal den Lehrer aussuchen kann. Das ist wie Zwangsheirat. Die lehnen wir wohl mehrheitlich auch ab.

            Ich wünsche frohe Ostern
            Matti

            PS: Ich empfehle Dir die Facebookseite eines Lehrers, auf die ich gerade erst gestoßen bin. Ich könnte mir vorstellen, das wäre ein Verbündeter für Dich: http://www.facebook.com/Beziehungspflege/timeline

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