Beim Denken passieren oft auch Denkfehler.

Denken lernen steht in keinem Lehrplan

Schule soll Schüler zu mündigen Bürgern erziehen. Eine Voraussetzung dafür ist ohne Zweifel Urteilskompetenz. Voraussetzung für richtige Entscheidungen ist es Denkfehler zu vermeiden. In der Schule trainieren Schüler das richtige Denken aber kaum.

Als Lehrer muss ich jeden Tag oft in kurzer Zeit eine Vielzahl von Schülern bewerten. Ein kleiner Test kann Ihnen zeigen, wie schwierig das sein kann. Entscheiden Sie spontan: Welchen der beiden unten beschrieben Schüler schätzen Sie spontan kompetenter ein:

Schüler A: intelligent – fleißig – impulsiv – kritisch – dickköpfig – missgünstig

Schüler B: missgünstig – dickköpfig – kritisch – impulsiv – fleißig – intelligent

Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass Ihnen spontan Schüler A kompetenter erschien. Vielleicht ist Ihnen beim Lesen aber schon aufgefallen, dass die Listen die gleichen Begriffe lediglich in einer veränderten Reihenfolge enthalten. Eigentlich sollte das unsere Entscheidung nicht beeinflussen. Tatsächlich macht es aber einen großen Unterschied, in welcher Reihenfolge wir Informationen über einen Menschen erhalten.

Diese „Order Effects hat der Psychologe Salomon Asch nachgewiesen. In seinem Experiment wurden die oben genannten Begriffe Testpersonen vorgelesen. Sie bewerteten mehrheitlich Person A deutlich positiver. Das liegt daran, dass der erste Eindruck zählt: Attribute wie „dickköpfig“ oder „kritisch“ sind ambivalent. Hat man erst einmal den Eindruck gewonnen, dass ein Mensch intelligent ist, bewerten wir eine kritische Haltung positiver und Dickköpfigkeit nachsichtiger.

Der Halo-Effekt macht uns zu Sklaven des ersten Eindrucks

Dieses psychologische Phänomen ist eine Erscheinungsform des Halo-Effektes. Menschen neigen dazu, einen Menschen besser zu bewerten, wenn sie einen positiven ersten Eindruck gewonnen haben. Dieser Effekt zeigt sich auch im Schulalltag: Da Lehrer auch nur Menschen sind, werden sie SuS nachsichtiger bewerten, wenn sie ihnen sympathisch erscheinen – selbst dann, wenn der Eindruck sich später als falsch erweist.

Wir Menschen unterliegen ständig diesem und anderen Denkfehlern. Viele dieser Fallen beschreibt der Nobelpreis-Träger Daniel Kahneman in seinem Bestseller „Thinking Fast and Slow. Der Psychologe unterscheidet darin zwei Systeme. System 1 ist aktiv, wenn wir aus dem Bauch heraus entscheiden. System 1 hat viele Vorteile: Es trifft mühelos schnell Entscheidungen – auch bei komplexen Problemen. Allerdings unterliegt es eben auch zahlreichen Irrtümern – wie dem oben beschriebenen Halo-Effekt.

System 2 kann uns aber dabei helfen, solche Denkfehler zu vermeiden. System 2 nutzen wir, wenn wir bewusst und konzentriert über etwas nachdenken. Es kann Entscheidungen von System 1 hinterfragen und revidieren. Die Kunst ist laut Kahneman nun genauer zu erkennen, wann wir System 2 aktivieren müssen. Die Fähigkeit, im passenden Moment System 2 einzuschalten, nennt Kahneman Rationalität. Aus seiner Sicht handelt es sich um eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt: Wenn ich als Lehrer um den Halo-Effekt weiß, kann ich bewusst gegensteuern, indem ich beispielsweise Noten von Schülern, die mir besonders sympathisch sind, besonders kritisch prüfe.

Wer sich vor solchen Denkfehlern schützen will kann neben Kahneman Buch auch Rolf Dobellis Bestseller „Die Kunst des klaren Denkens“ lesen. Ein solches Denk-Training sollte aber auch Teil des Lern-Alltags von Schülerinnen und Schülern sein. Schließlich ist es ein Teil des Bildungsauftrages von Schule die Urteils-Fähigkeit der Schüler zu fördern. Insofern die Vermeidung von Denkfehlern den jungen Menschen dabei hilft, bessere Entscheidungen zu treffen, ist es ein Stück Lebenskompetenz.

Denk-Training macht Schüler zu mündigeren Bürgern

Der Erwerb von Rationalität in Kahnemans Sinn ist aber nicht zuletzt auch deshalb wichtig, um den SuS dabei zu helfen mündige Bürger zu werden, die sich nicht leicht von Politikern täuschen lassen. Viele der derzeit erfolgreichen Populisten nutzen zahlreiche Denkfehler aus, um Wähler zu werben:

Das Tückische ist, dass Menschen vielen dieser Denkmustern hilflos ausgeliefert sind, weil sie unterbewusst greifen. Umso wichtiger ist es, dass wir SuS über solche Probleme informieren, damit sie eine kritische Haltung gegen ihre Bauch-Entscheidungen entwickeln können.

Derzeit ist Denk-Training kein Thema im Unterricht

In der Schule findet eine solche Denkschulung allerdings so gut wie nicht statt. Psychologie wird als Schulfach nur an sehr wenigen deutschen Gymnasien unterrichtet. Eine andere Heimat für solche Probleme der Erkenntnis ist der Philosophie-Unterricht. Das Fach ist aber in NRW in der Regel nur als Ersatzfach für Religion vorgesehen. In vielen Bundesländern fehlt es ganz.

Der letzte Ausweg wäre, solche Kompetenzen in den Fach-Unterricht zu integrieren. So wäre es ja beispielsweise möglich im Mathematik-Unterricht im Bereich der Stochastik auch gezielt kognitive Verzerrungen im Umgang mit Statistiken zu thematisieren. Im Lehrplan Mathematik fehlen Hinweise auf solche Aspekte aber.

Die Verfasser der Lehrpläne gehen offenbar davon aus, dass Menschen Wesen sind, die richtige Entscheidungen treffen, wenn sie alle nötigen Informationen haben. Wäre diese Annahme richtig, würde es tatsächlich genügen, den SuS möglichst viel Fachwissen zu vermitteln. Längst ist aber klar, dass überfachliche Kompetenzen wie Kahnemans Rationalität, interdisziplinäres Denken oder soziale Kompetenzen mindestens ebenso wichtig sind. Diese kommen aber in unserem Schulsystem systematisch zu kurz.

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2 Gedanken zu „Denken lernen steht in keinem Lehrplan

  1. Herr Rau

    In den USA scheint mir das besser zu sein, zumindest im Diskurs; in den amerikansichen Blogs, die ich lese, fallen häufig Begriffe wie straw man, fallacy, slippery slope, non sequitur, Begriffe aus der Rhetorik und vielleicht Logik. Denen begegne ich auf Deutsch nie.

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