Warum ich kein guter Lehrer bin

Ich unterrichte Physik und Philosophie an einem Gymnasium in einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen. Ich bin verbeamteter Studienrat. Ich bin engagiert und motiviert. Aber ich bin kein guter Lehrer.

Ich bin sehr, sehr gerne Lehrer. Ich darf meinen Lebensunterhalt damit bestreiten, jungen Menschen dabei zu helfen, ihre Potentiale zu entfalten und die Welt und sich selber besser zu verstehen. Das macht mich glücklich. Ich spüre aber auch die Verantwortung, die daraus resultiert, dass ich über einen großen Teil der Lebenszeit meiner Schüler verfüge. Dementsprechend setze ich mich auch in meiner Arbeit ein.

Dass mein Engagement sinnvoll ist, spüre ich immer wieder: Schüler lernen viel mehr in einer Unterrichtsstunde, die gut geplant ist. Weil die Stunde nachvollziehbar strukturiert ist. Weil der Unterrichtsstoff spannend aufbereitet ist. Weil die Inhalte am Wissen und den Interessen der Schüler anknüpfen. Und manchmal erlebe ich sogar, dass ich einen positiven Beitrag zur Entwicklung und Erziehung junger Menschen leisten kann.

Das weiß ich und das kann ich

Bei aller gebotenen Bescheidenheit würde ich sagen, dass ich ein guter Lehrer sein kann. Die zentralen Erfolgsfaktoren, die zum Beispiel der Bildungsforscher John Hattie in seiner Studie gefunden hat, sind wenig überraschend (nachlesen kann man sie zum Beispiel hier). Im Großen und Ganzen kann ich konstatieren: Das weiß ich, das kann ich.

Das liegt unter anderem an einer guten Ausbildung. In einem mehrjährigen Studium habe ich viel Fachwissen gesammelt und vor allem auch die Fähigkeit, mir selbständig weiteres Wissen anzueignen. Aber ich hatte auch Zeit mich als Persönlichkeit weiter zu entwickeln. Danach habe ich in einem zweijährigen Referendariat viel Handwerkszeug gelernt. Und nicht zuletzt zähle ich auch die ersten Berufsjahre zu den Lehrjahren, weil man als Lehrer unendlich viel nur lernen kann, indem man Ideen und sich selbst ausprobiert und als Pädagoge reift.

In all der Zeit habe ich sehr viel darüber gelernt, was es bedeutet ein guter Lehrer zu sein. Zum Beispiel, wie ich interessanten und abwechslungsreichen Unterricht gestalten kann, in dem Schüler mit Freude lernen. Oder wie ich im Umgang mit den Schülern meinen persönlichen Stil im Spannungsfeld zwischen Respekt, Autorität und Nähe finde. Dieser Lernprozess ist sicherlich noch lange nicht abgeschlossen. Aber es ist ja gerade das Schöne an diesem Beruf, dass man immer weiter dazu lernen kann.

Das Schulsystem schränkt Lehrer ein – und verhindert so Bildung

Doch je mehr ich darüber weiß, was es bedeutet, ein guter Lehrer zu sein, desto mehr wird mir bewusst, dass ich kein guter Lehrer bin. Denn sehr viel von dem, was ich über guten Unterricht weiß, kann ich in der Praxis nicht umsetzen. Nicht weil es mir an Wissen und Kompetenzen fehlt. Nicht weil die Schüler nicht lernen können oder wollen. Sondern weil das Schulsystem mich in meinem pädagogischen Schaffen Tag für Tag einschränkt.

Zum einen setzt es Grenzen durch Richtlinien, Gesetze und Standards: Wo, was, wann, wie und wie viele Schüler lernen, ist größtenteils vorgeschrieben. Zum anderen schränkt das Schulsystem mich durch mangelnde Ressourcen ein: Wie ich unterrichte hängt davon ab, wie viel Zeit ich für die Vorbereitung habe, welche Räume und Ausstattung zur Verfügung stehen und so weiter. Das Schulsystem hindert mich auf sehr vielfältige Weise daran, meinen Job als Lehrer so gut zu machen, wie ich es könnte. Und viele andere Lehrerinnen und Lehrer auch.

Zwar hat die Hattie-Studie gezeigt: Wie das Schulsystem gestrickt ist, ist eigentlich gar nicht so wichtig. Welche Schulformen es gibt, ob Schüler sitzen bleiben, ob es Noten gibt und so weiter ist nicht wichtig, sondern: „What teachers do matters“. Insofern die Rahmenbedingungen eines Schulsystems aber Lehrer in ihrem Schaffen einschränken, wirken sie sich schädlich auf den Lernerfolg aus.  So entsteht die paradoxe Situation, dass unser Schulsystem Bildung verhindert. Über diese Bildungslücken im System möchte ich in diesem Blog schreiben.

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