Kooperation: Digitale Bildung und Reformpädagogik

Reformpädagogik und Digitalisierung: Gemeinsam stark

Reformpädagogen arbeiten schon sehr lange daran, die Schulen zu einem Ort zu machen, an dem Schüler gerne lernen. Die Digitalisierung der Schulen könnte dabei helfen: Wenn Reformpädagogen und Digitalisierer zusammen arbeiten, könnten sie gemeinsam die Schulen nachhaltig im Sinne der Schüler verändern.

„Unser Schulsystem ist Mist!“ wetterte vor einer Weile der TV-Professor Harald Lesch. Diese Erkenntnis teilen viele Lehrer*innen schon lange. Auch ich habe versucht in einer Artikel-Serie zu zeigen, warum Schulen im Regelsystem oft kein guter Ort zum Lernen sind. Weil sie mit dem bestehenden System nicht zufrieden sind, haben sich reformorientierte Schulen in Verbünden wie „Schulen im Aufbruch„oder „Blick über den Zaun“ zusammengeschlossen. Ihr Ziel ist, das Schulsystem „von unten“ zu reformieren. Die Reform-Netzwerke teilen dabei das Leitziel, dass Schulen der Individualität der Schüler*innen gerecht werden sollen.

In den letzten Jahren hat sich eine weitere Reformbewegung gebildet: Auf Events wie den Educamps, Mobile Schule in Oldenburg  oder dem Digital Education Day in Köln treffen sich Lehrer*innen, die den digitalen Wandel der Schule aktiv gestalten wollen. Die Digitalisierer teilen auch online bei Facebook oder Twitter  ihre Ideen und diskutieren unter Hashtags wie #BayernEdu, #digitaleBildung oder #zeitgemäßeBildung darüber, wie digitale Tools pädagogisch sinnvoll eingesetzt werden können, um eine Bildung zu fördern, die die Schüler*innen auf das Leben im digitalen Zeitalter vorbereitet.

Reformpädagogen und Digitalisierer arbeiten derzeit also gleichzeitig daran, die Schulen im Sinne der Schüler*innen zu verändern. Meiner Wahrnehmung nach gibt es bislang zwischen beiden Reform-Bewegungen wenig Vernetzung. Eine mögliche Ursache: Einige Vertreter der digitalen Fraktion sind eher pragmatisch und wollen lieber Dinge ausprobieren, statt über pädagogische Leitlinien zu diskutieren. Umgekehrt sieht ein Teil der reformpädagogisch orientierten Lehrer den Einsatz von Smartphones und Technik eher kritisch. Sie befürchten, dass die Digitalisierung eine Gefahr für die aus ihrer Sicht zentralen menschlichen Beziehungen innerhalb der Schulgemeinschaft ist.

Ich möchte mit diesem Beitrag mit guten Argumenten Brücken über die Kluft zwischen Reformpädagogen und Digitalisierern bauen. Es gibt viele sehr gute Argumente für die Digitalisierung der Schulen: Kristina Wahl hat sie in ihrem Blog zusammengetragen um auch Digitalisierungs-Miesepeter zu überzeugen. Und auch mit Hilfe von Bildungs-Theorie lässt sich über die Digitalisierung an Schulen nachdenken. Ich bin aber der Auffassung, dass auch aus Sicht der Reformpädagogik Digitalisierung keine Gefahr, sondern eine Chance ist. Oder wie twitterte @matz80 so schön:

Meine zentralen Thesen lauten:

  1. Wenn Digitalisierer und Reformpädagogen zusammenarbeiten, steigen die Chancen, Schulen nachhaltig im Sinne der Schüler*innen zu verändern.
  2. Die Digitalisierung könnte der organisatorische Hebel sein, um viele Anliegen der Reformpädagogik im Schulsystem zu verwirklichen.

Um diese Thesen zu untermauern, möchte ich beispielhaft zeigen, wie digitale Werkzeuge dabei helfen können, reformpädagogische Ziele zu erreichen. Als Grundlage dafür nutze ich die Standards des Blick über den Zaun (BüZ). Der Verbund reformpädagogisch orientierter Schulen hat seine zentralen Ziele in einem Leitbild zusammengefasst. Anhand einiger der darin formulierten Standards möchte ich plausibel machen, dass eine sinnvoll durchgeführte Digitalisierung der Schulen und des Lernens die Ziele der Reformpädagogen fördern kann.

1 Den Einzelnen gerecht werden – individuelle Förderung und Herausforderung

„Die wichtigsten Vorgaben für jede Schule sind die ihr anvertrauten Kinder, so, wie sie sind, und nicht so, wie wir sie uns wünschen mögen“, heißt es im Leitbild von BüZ. Darauf folgt, dass die Kinder individuell gefördert und betreut werden müssen. Um die Potentiale der einzelnen Schüler zu fördern, sollen auch die Lernprozesse individuell verlaufen. Digitalisierung kann dazu einen Beitrag leisten.

1.1 Digitalisierung erleichtert individuelle Betreuung

Weil jeder Mensch anders ist, brauchen Schüler*innen individuelle Betreuung. Es ist allerdings in den bestehenden Strukturen organisatorisch schwierig, sich mit Schüler*innen über ihr Befinden und ihre Lernprozesse auszutauschen. Zum einen ist die Anzahl der Schüler*innen vor allem an weiterführenden Schulen sehr hoch. Zum anderen fehlen in den nicht zuletzt durch G8 voll gepackten Stundenplänen Zeitfenster, in denen sich Schüler*innen und Lehrer*innen zusammen setzen können.

Digitale Kommunikation kann den Austausch erleichtern. Das liegt vor allem daran, das die Digitalisierung einen zeitversetzten Austausch ermöglicht: Schüler*innen und Lehrer*innen können dann miteinander kommunizieren, wann sie Zeit dazu haben. Zudem lassen sich vor allem organisatorische Fragen vorab klären, um sich bei persönlichen Treffen auf die Wesentlichen Aspekte konzentrieren zu können. Denn digitale Kommunikation kann natürlich nicht den persönlichen Kontakt und die Beziehungspflege ersetzen – sie kann die Vorbereitung und Organisation der Begegnungen aber vereinfachen.

1.2 Digitalisierung fördert Individualisierung des Lernens

Um der Individualität von Schüler*innen gerecht werden zu können, müssen Lehrer*innen ihnen individuelle Lerngelegenheiten bieten. Dazu gehören unter anderem auch differenzierte Materialien: Leider werden viele Schulbücher diesem Anspruch nicht gerecht.

Es ist allerdings eine große Herausforderung individuelle Materialien für alle Schüler*innen bereitzustellen. Es kostet viel Zeit, Aufgaben und Texte zu erarbeiten, die zu den individuellen Bedürfnissen passen. Lehrer*innen müssen zudem die Materialien nicht nur erstellen, sondern auch jederzeit im Klassenraum  bereitstellen. Für alle Beteiligten ist die Organisation eines Ablagesystems von Materialien eine große organisatorische Herausforderung.

Die Digitalisierung erleichtert das Dokumenten-Management entscheidend: Bundesländer wie Baden-Württemberg und NRW wollen den Schulen künftig auf Lernplattformen digitalen Cloud-Speicher zur Archivierung von Lernmaterialien zur Verfügung stellen. Alle Lernmaterialien können dann zentral in einer Schulcloud abgelegt werden, auf die Lehrer*innen und Schüler*innen zugreifen können. Statt in einem analogen Ablagesystem nach den Materialien zu suchen, können sie direkt digital darauf zugreifen. Das spart nicht nur Kopierkosten, sondern verringert auch den organisatorischen Aufwand: Kompetenzraster oder Differenzierungsmatrizen lassen sich zum Beispiel durch QR-Codes sehr leicht mit digitalen Materialien verknüpfen.

Eine besondere Chance bieten hier auch Open Educational Resources (OER). Schulen können digitale Materialien unter offener Lizenz austauschen. Im Gegensatz zu Materialien von Verlagen, haben sie dabei die Rechte dazu, diese beliebig an die Bedürfnisse der Schüler*innen anzupassen. Initiativen wie OERinfo oder Edulabs arbeiten daran, die Erstellung und den Austausch von offenen Materialien zu fördern.

1.3 Digitalisierung hilft bei der Inklusion

Die individuelle Förderung ist durch die Inklusion nochmal stärker in den Blickpunkt gerückt. Viele reformpädagogische Schulen arbeiten aber schon seit langer Zeit inklusiv – Inklusion gehört sozusagen zum reformpädagogischen Markenkern.

Ein Anliegen der Inklusion ist für jeden Schüler passende Lernzugänge zu schaffen. Digitalisierung kann hier helfen: Derzeit sind Lernmaterialien oft textlastig. Das ist vor allem für lernschwache Schüler*innen oft ein Problem. Sowohl das Lesen als auch das Verfassen von längeren Texten fällt ihnen schwer.

Digitalisierung erweitert das Materialien-Repertoire. Bilder oder Videos sind bei manchen Themen ein deutlich angemesseneres Medium und erleichtern den Zugang. Vor allem im Mathematik-Bereich nutzen Kollegen wie Sebastian Schmidt das Prinzip Flipped Classroom: Sie erklären anspruchsvolle Stoff in Videos. Das hat den Vorteil, dass Schüler*innen den Vortrag zu Hause anschauen, jederzeit pausieren und einzelne Teile des Vortrags wiederholt anschauen können. Die Erstellung solcher Erklärvideos ist dank Apps wie Explain Everything deutlich leichter geworden.

Doch nicht nur bei der Erarbeitung von Stoff mit Materialien kann die Digitalisierung eine Hilfe sein. Auch bei der Anwendung des Wissens habe ich schon mehrfach die Erfahrung gemacht, dass „lernschwache“ Kinder bei der Produktion von Bildern oder Videos viel besser zeigen können, was sie gelernt haben. Dies fördert auch die Anerkennung ihrer Leistung innerhalb der Klasse.

1.4 Digitalisierung erleichtert Feedback und Lernbegleitung

Wie oben schon gesagt, wird die Kommunikation zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen erleichtert. Digitale Tools können aber auch bei der Lernorganisation helfen. Eine Entwicklung, die einige Möglichkeiten aufzeigt, ist Dakora, eine vom baden-württembergischen Landesinstitut für Schulentwicklung entwickelte App.

Schüler*innen können damit auf Basis von digitalen Kompetenzrastern auf die jeweiligen Lernmaterialien zugreifen und interaktiv einen Wochenplan erstellen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit können sie dann analog oder digital abgeben. Die Lehrer*innen können dann zeitlich asynchron die Planung und die Ergebnisse begutachten und ebenfalls digital Feedback geben. Dieser digitale Austausch dient dann als Grundlage für persönlichen Austausch bei regelmäßigen Treffen zur Lernberatung und für Elterngespräche.

Auch bei der Auswertung von Klassenarbeiten können digitale Tools helfen: Dank der Digitalisierung muss Lehrer-Feedback nicht mehr handschriftlich erfolgen: Sonja Hennig etwa gibt ihren Schüler*innen ihr Feedback als Audiokommentar mit Hilfe von QR-Codes und der App Vocall Recall. Mit QR-Codes als Links können Lehrer*innen den SuS auch einfach individuell Übungs-Materialien zu weisen: Nina Toller beschreibt in ihrem Blog, wie  Lehrer*innen im Anschluss an eine Klassenarbeit den Schüler*innen mit Hilfe von QR-Codes individuelle Materialien zur Übung zuweisen können.

2 „Das andere Lernen“

Ein Ziel von Reformpädagogen ist ein ganzheitliches, autonomes Lernen zu fördern. Digitale Tools können Schüler*innen und Lehrer*innen auf vielen Ebenen dabei helfen, Lernprozesse effizienter zu gestalten Eine Übersicht über den vielfältige Einsatzgebiete digitaler Tools bietet zum Beispiel das MIFD-Modell vom integrate2learn-Team um Tobias Rodemerk und Jan Hambsch. Einige konkrete Beispiele sollen im folgenden belegen, wie Apps und Software beim Lernen helfen kann.

MIFD-Modell

2.1 Digitalisierung erleichtert Lernen in Sinnzusammenhängen

Ein Ziel der BüZ-Schulen ist es, dass die Grenzen zwischen Fächern möglichst abgebaut werden, um ein ganzheitlicheres Lernen zu ermöglichen. An Grundschulen ist es vergleichsweise leicht fächerübergreifend zu lernen, da in der Regel ja meist eine Lehrkraft einen Großteil aller Stunden betreut. An weiterführenden Schulen ist das interdisziplinäre Lernen aus systematischen Gründen organisatorisch viel schwerer umsetzbar.

Digitalisierung kann fächerübergreifenden Unterricht erleichtern: So können etwa Schüler*innen aus verschiedenen Kursen, die nicht parallel im Stundenplan liegen, mit Hilfe digitaler Kollaborations-Tools wie Zumpad, Padlet oder CMAP-Tools dennoch zusammen zeitversetzt an einem Produkt arbeiten.

Aber auch Lehrer*innen erleichtert die Digitalisierung die Überwindung von Fächergrenzen. Wenn SuS beispielsweise einem digitalen Projekt arbeiten, können die Fortschritte und die Ergebnisse von allen Lehrern eingesehen werden. Das erleichtert das Feedback und die Bewertung als Team ungemein.

2.2 Digitalisierung hilft beim selbsttätigen Lernen

Ein wichtiges Ziel der Reformpädagogik ist das selbsttätige Lernen: Schüler*innen sollen möglichst an selbst gewählten Fragen und Herausforderungen arbeiten und eigene Produkte erstellen. Eine besondere Rolle spielt daher an den BüZ-Schulen der Projekt-Unterricht.

Digitale Tools können Lehrer*innen und Schüler*innen bei der Organisation von Projekten helfen: So arbeiten etwa die Schüler des Hamburger Lehrer Thorsten Puderbach im Biologie-Unterricht mit Padlet und Zumpad als Tools für die Kooperation und Projektplanung an selbst gewählten Fragen. Eine simple, kostenlose und von Kollegen empfohlene Alternative zur Projektplanung ist auch Trello.

Weil die Projekt-Planung der Schüler*innen durch die digitalen Tools transparent wird, erleichtert es den Lehrer*innen wiederum fortlaufend Feedback zu geben, ohne dass man sich jedes Mal treffen müsste. Das erleichtert die Begleitung vor allem dann, wenn die Schüler*innen auch außerhalb der Schule lernen, was ja ein wichtiges Anliegen der Reformpädagogen ist.

2.3 Digitalisierung fördert Freude am Lernen und Gestalten

Lernen soll Spaß machen. Freude am Lernen bereitet Schüler*innen zum Beispiel, wenn sie ihre Ergebnisse kreativ aufarbeiten können, statt sie nur wie so oft in Textform abzugeben. Die Digitalisierung eröffnet hier völlig neue Möglichkeiten: Schüler*innen können inzwischen mit ihrem eigenem Smartphone problemlos Hörspiele oder Filme produzieren.

So mache ich im Unterricht regelmäßig die Erfahrung, dass die kreative Auseinandersetzung mit Inhalten – zum Beispiel durch Erklärfilme in Physik oder die kreative Auseinandersetzung mit Philosophie. Wie vielfältig die Möglichkeiten dank Tablets und Greenscreen sind zeigen zum Beispiel Müller und Schmidt.

2.5 Digitalisierung vereinfacht Individualisierung von Bewertung

Derzeit sind an vielen Schulen vor allem mündliche Beiträge und selbst verfasste Texte die entscheidende Grundlage für die Bewertung. Beides benachteiligt bestimmte Schüler-Gruppen. Weil die Digitalisierung die Anzahl der möglichen Lernprodukte vervielfacht und deren Bearbeitung vereinfacht, erlaubt sie auch eine Individualisierung der Bewertung. Es ist an den Lehrern neue Prüfungsformate zu entwickeln und an den Gesetzgebern in den Prüfungsordnungen mehr Freiheiten bei der Bewertung zuzulassen.

3 Schule als Gemeinschaft – Demokratie lernen und leben

Reformpädagogen begreifen die Schule als einen Ort, an dem Schüler*innen die Kompetenzen zu einem gelingenden Leben in der Gemeinschaft erwerben. Werte wie Verantwortung, Partizipation, Toleranz oder Demokratie sollen im Sinne von „Learning by doing“ durch aktive Teilhabe aller Mitglieder der Schulgemeinschaft gefördert werden. Im Zeitalter der Digitalisierung muss dieser Anspruch auch die digitale Welt einbeziehen: Kinder und Jugendliche verbringen einen großen Teil ihrer Freizeit in sozialen Netzwerken – auch auf diesen Teil ihrer Existenz müssen Schulen sie vorbereiten.

3.1 Digitalisierung fördert achtungsvollen Umgang

Reformpädagogen begreifen Schulen als eine Gemeinschaft von Lehrer*innen und Schüler*innen. Indem die jungen Menschen im geschützten Raum Schule echte Beziehungen entwickeln, sollen sie auch auf ein gelingendes Leben in der Gesellschaft vorbereitet werden.

Die Digitalisierung hat die Beziehungspflege komplexer gemacht. Ein Großteil ihrer Kommunikation mit Freunden und Familie läuft inzwischen über digitale Medien. Das erleichtert und fördert die Kommunikation in vielen Fällen. Gleichzeitig sorgt die Initialisierung aber auch für neue Probleme – Cybermobbing ist nur eins von vielen neuen Phänomenen. Eine Nutzung digitaler Medien in der Schule kann Schüler*innen dabei helfen, Kompetenzen im Umgang mit den sozialen Medien zu entwickeln. Dazu kann es etwa gehören innerhalb der Klasse Regeln für die Kommunikation in der Whats-App-Gruppe zu erarbeiten.

Eine Möglichkeit Schüler*innen bei der Entwicklung von guten Umgangsformen zu unterstützen, ist das Konzept der Medienscouts. Dabei werden Schüler*innen zu Experten ausgebildet, die ihren Mitschüler*innen bei Problemen in sozialen Netzwerken helfen und sie über Chancen und Gefahren informieren.

3.2 Digitalisierung macht Schulen zum digitalen Lebensraum

Ein Anliegen der Reformpädagogik ist seit jeher, dass Schulen keine reine Lehr- und Lernanstalten sind, sondern Orte, an denen sich Schüler*innen wohl fühlen. Der Gestaltung des Schulgebäudes kommt dabei eine besondere Rolle zu: Neben den Mitschüler*innen und den Lehrer*innen gilt der Raum nicht umsonst als „dritter Pädagoge“. Umso wichtiger ist es, die Räume so zu gestalten, dass individuelles Lernen möglich ist.

Leider fehlt in vielen Städten und Gemeinden das Geld oder der politische Wille, Schulgebäude gemäß reformpädagogischer Anforderungen zu gestalten. Mit deutlich weniger Aufwand ist es verbunden, digitale Lernräume zu schaffen, in denen sich Schüler*innen in einer geschützten Umgebung austauschen können. Denkbar sind beispielsweise soziale Netzwerke, in denen Schüler*innen in einer Art geschützten Öffentlichkeit ihre Fähigkeiten zum sozialen Umgang erproben und miteinander lernen können. Reformpädagogen und Digitalisierer können gemeinsam Visionen für schülergerechte virtuelle Lernräume entwickeln.

3.3 Digitalisierung fördert Schule als demokratische Gemeinschaft

In reformpädagogisch orientierten Schulen sollen Schüler*innen sich an der Gestaltung des Schullebens gestalten. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Summerhill School: In dieser Schule entscheiden Lehrer*innen und Schüler*innen gleichberechtigt über die Regeln. Gerade in großen Schulen ist dies eine Herausforderung: Während un Summerhill alles in allem rund 100 Personen leben und lernen, haben große weiterführende Schulen oft weit über 1000 Schüler und 100 Lehrer. Vollversammlungen wie in Summerhill sind dadurch organisatorisch so gut wie unmöglich.

Die Digitalisierung bietet hier eine Chance. Ein Beispiel dafür ist das Projekt Aula. Es handelt sich um eine digitale Plattform, in der Schüler*innen Ideen zur Veränderung der Schule vortragen, diskutieren und auch darüber abstimmen können. Über die Chancen und Probleme bei der Nutzung von Aula berichtet Dejan Mihajlovic in seinem Blog.

3.4 Digitalisierung fördert Öffnung nach außen

Die politische Partizipation sollte sich naturgemäß nicht auf die Schule beschränken: Das Ziel ist letztlich, die Schüler*innen in ihrer Gestaltungskraft so zu stärken, dass sie auch das Leben außer der Schule mitgestalten. Auch hier können digitale Medien helfen: So fördert etwa die Initiative jugend.beteiligen.jetzt die digitale Partizipation in Kommunen. Das Ziel: Über die Einführung niedrigschwelliger digitaler Plattformen sollen mehr junge Menschen dazu gebracht werden sich einzubringen.

Aber auch schon die gängigen soziale Medien ermöglichen Schüler*innen sich zu organisieren und selbst Öffentlichkeit zu erschaffen. Per Facebook, Twitter oder Instagram können Schüler*innen öffentliche Diskurse mitgestalten. Durch geeignete Schulprojekte können die jungen Menschen erfahren, dass sich die Dienste nicht nur zur Selbstdarstellung nutzen lassen.

Fazit: Gemeinsam sind wir stark

Viele Lehrer*innen sind sich einig: So wie das Schulsystem ist, kann es nicht bleiben. Um wirklich etwas zu verändern, müssen möglichst viele Pädagogen an einem Strang ziehen – und dabei möglichst die Schüler*innen mit einbinden. Die Digitalisierung der Schulen ist sicherlich eine Herausforderung. Richtig eingesetzt bieten digitale Tools aber auch die Chance, Schulen nachhaltig zum Besseren zu verändern.

Im Zentrum der Reformpädagogik stehen die Schüler*innen und ihre individuellen Interessen und Bedürfnisse. Die individuelle Förderung erfordert aber oft einen hohen Betreuungsaufwand. Digitalisierung kann viele organisatorische Prozesse effizienter gestalten, so dass mehr Zeit bleibt für den persönlichen Kontakt zwischen Lehrer*innnen und Schüler*innen.

Um die Digitalisierung der Schulen in diesem Sinne zu gestalten ist es unerlässlich, dass bei der Schulentwicklung möglichst viele verschiedene Expertisen eingebracht werden. Deshalb sollten auch die IT-EXpert*innen, Reformpädagog*innen und „Bildungs-Theoretiker*innen“ unter den Lehrer*innen zusammen daran arbeiten, die Schulen für das 21. Jahrhundert fit zu machen. Sonst droht die Gefahr, dass sich andere Interessen durchsetzen.

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