Was sind Bildungslücken?

Die Hattie-Studie hat gezeigt: „What teachers do matters“. Doch die Rahmenbedingungen an den deutschen Schulen machen es den Lehrern schwer, ihren Job gut zu machen. Welchen Bildungs-Schaden kann das Schulsystem anrichten?
Insofern das Schulsystem Lehrer in ihrer Arbeit behindert, verhindert es Bildung. Im letzten Beitrag habe ich gezeigt, wie das Schulsystem unsere Arbeit behindert.  Welche negativen Effekt das haben kann, möchte ich mit Hilfe einer kleinen Bildungslücken-Typologie darstellen. Auch für diese Liste gilt: Sie ist unvollständig und dient nur einer ersten Orientierung für Schreiber und Leser. Und ich möchte auf einzelne Punkte künftig noch detaillierter eingehen.

Bildung ist mehr als…

Wenn Politiker den Wert von Bildung preisen, verschweigen sie meist, was genau sie unter dem Bildung verstehen. Häufig scheint es dabei vor allem um die beruflich Ausbildung zu stehen – schließlich wird ja stets auf den globalen Wettbewerb verwiesen. Dass der Begriff nicht genauer entfaltet wird, liegt aber sicher auch an seiner Komplexität: Wer verstehen will, was Bildung bedeutet, wird in der Regel bei den alten Griechen und ihrem Verständnis von „paidea“ beginnen. Dank der Bemühungen vieler Denker von der Antike bis zur Gegenwart wissen wir sehr viel darüber, was Bildung theoretisch ist oder sein könnte.

Eine knappe zeitgenössische Erläuterung des Begriffes, hat der Philosophie-Professor Peter Bieri verfasst: In seiner Rede mit dem Titel „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ skizziert er Leitlinien eines reichhaltigen Bildungsbegriffes, den er ausdrücklich von Ausbildung abgrenzt. Man muss Bieris Beschreibung nicht in all ihren Dimensionen teilen. Unzweifelhaft erscheint mir aber, dass das jetzige Schulsystem in vielerlei Hinsicht sehr weit davon ist, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Insofern das Schulsystem verhindert, dass Schulen und Lehrer den zahlreichen Facetten von Bildung gerecht werden, hat es Bildungslücken.

Fit für welche Zukunft?

Man muss nicht unbedingt so hohe Anforderungen an Bildung haben, um unser Schulsystem zu kritisieren. Auch wer als Ziel die Ausbildung für den globalen Wettbewerb ausruft, wird reichlich Verbesserungsbedarf finden. Ein mediales Beben löste 2003 das schlechte Abschneiden Deutschlands beim Pisa-Test aus. Und auch wenn der sogenannte Pisa-Schock zahlreiche Reformen nach sich zog, hat sich am eigentlichen Schulalltag, dem Unterricht, sehr wenig geändert. Die Reformen haben zu großen Teilen vor der Tür zum Klassenzimmer halt gemacht.

Ein Beispiel: Wer Abitur machen will, muss sehr viele, sehr lange Aufsätze schreiben: Analysen, Stellungnahmen, Interpretationen, Vergleiche und so weiter. Die Note bei den Abiturprüfungen, aber auch schon die Vornoten, hängen von diesen schriftlichen Ergebnissen ab. Der Abitur-Schnitt hängt also maßgeblich von etwas ab, dass Schüler zumindest nach Abschluss eines Studiums nie wieder tun werden.

Sicherlich fördert die schriftliche Darstellung komplexer Zusammenhänge die gedankliche Klarheit und strukturiertes Denken, sprachliches Ausdrucksvermögen, Sorgfalt und vieles mehr. Sicherlich ist es auch wichtig, Schüler auf die Anforderungen an der Universität vorzubereiten. Doch sicherlich sind auch andere Prüfungsmodi denkbar, die nicht so realitätsfern sind.

Denn auch die Arbeitswelt hat sich verändert: Statt in starren Hierarchien und festen Tätigkeiten arbeiten Menschen immer öfter in wechselnden Teams an unterschiedlichen Projekten. Gute Schulen und Lehrer kümmern sich darum, die Schüler auf diese neuen Anforderungen vorzubereiten  – zum Beispiel durch Projektunterricht, durch Medienbildung, durch Partizipation.  Doch das Schulsystem erschwert diese Bemühungen in vielerlei Hinsicht statt sie zu befördern.

Insofern das Schulsystem nicht auf die Anforderungen einer veränderten Lebens- und Berufswelt vorbereitet, hat es Bildungslücken.

Wie Schüler (nicht) lernen

Lernen und Bildung ist nicht das gleiche. Aber Lernen ist sicherlich eine Grundlage für Bildung. Im vergangenen Jahrhundert haben Reformpädagogen die Perspektive auf das Lernen und Lehren erweitert. Und in der jüngsten Vergangenheit haben die empirischen Erkenntnisse der Lernforschung und der Neurowissenschaften das Bild ergänzt. Lehrer wissen inzwischen sehr viel darüber, wie sie Lernprozesse fördern können. Umsetzen lässt sich davon aus vielerlei Gründen im Schulalltag nicht viel. So stammen viele der Strukturen im Schulsystem noch aus einer Zeit, in der das fragend-entwickelte-Unterrichtsgespräch (aka Frontal-Lehrer-Frage-Schüler-Antwort-Ping-Pong) als Nonplusultra galt.

Insofern das Schulsystem neue Erkenntnisse über das Lernen nicht berücksichtigt bzw. die Anwendung der Erkenntnisse in der Praxis erschwert, hat es Bildungslücken.

Individualisierung vs. Standardisierung

Schule soll den individuellen Begabungen, Fähigkeiten und Interessen der Schülerinnen und Schüler gerecht werden. Ziel ist es dabei jeden gemäß seiner individuellen Bedürfnisse zu fördern. Diese Herausforderung wird durch die Einführung der Inklusion noch einmal komplexer: Künftig dürfen Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf auch normalen Regelschulen besuchen. Genauso individuell wir ihre Schüler sollten im besten Fall auch die möglichen Lernwege sein. Das erfordert große Flexibilität bei der Unterrichtsplanung. Lehrer müssen diese Anforderung vereinbaren mit dem Trend zur Standardisierung (Stichwort Zentralabitur).

Insofern das Schulsystem eine individuelle Förderung erschwert oder verhindert, hat es Bildungslücken.

Individualität x 100

Voraussetzung für eine individuelle Förderung ist eine ebenso differenzierte Diagnostik: Nur wenn Lehrer Zeit dafür haben, die Stärken und Schwächen ihrer Schülerinnen und Schülern zu analysieren, können sie sie entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse fördern. Dabei ist letztlich auch eine faire und transparente Bewertung Teil einer sinnvollen Feedback-Kultur – ob mit oder ohne Noten. Schülerinnen und Schüler brauchen und wünschen sich nachvollziehbare Rückmeldungen über ihre Leistungen, die auch Perspektiven für die Zukunft aufweisen. Dass das vor allem für Lehrer an weiterführenden Schülern bei teilweise deutlich über 100 Schülern nicht einfach ist, liegt auf der Hand.

Insofern das Schulsystem keine angemessene und aussagekräftige Diagnostik und Bewertung zulässt, hat es Bildungslücken.

Persönliche Bindungen im System

Das innige Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern wurde im Rückgriff auf Platon mit dem „pädagogischen Eros“ beschrieben. Der Begriff ist durch Pädophilie-Skandale wie etwa an der Odenwaldschule in Verruf geraten. Dass ein gutes persönliches Verhältnis zwischen Lehrern und Schülerinnen und Schülern dem Lernen und somit letztlich auch der Bildung zuträglich ist, ist aber unstrittig: Gegenseitiges Vertrauen, Respekt und Wertschätzung sind notwendige Voraussetzung für Lernen und Bildung.

Insofern das Schulsystem die Möglichkeit für persönliche Bindungen erschwert, hat es Bildungslücken.

Alles für die Katz Kids!

Fast jeder Mensch kann von einem Lehrer berichten, der sein Leben bereichert hat. Das liegt unter anderem daran, dass viele Lehrkräfte viel Zeit und Kraft investieren. Viele Lehrer opfern sogar ihre Gesundheit. In kaum einem Beruf ist die Gefahr so groß, ein Burnout zu erleiden. Das liegt nicht nur an der je nach Fächerkombination und Engagement hohen zeitlichen Belastung. Das liegt auch an fehlender Wertschätzung für gute Leistungen und fehlenden Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Die Qualität des Unterrichts ist zum Beispiel für die berufliche Karriere eines Lehrers vollkommen irrelevant. Gute Vorbereitung ist also (nur) für die Katz Kids!

Insofern ein Schulsystem Lehrerinnen und Lehrer auslaugt und demotiviert, hat es Bildungslücken.

Ein Gedanke zu „Was sind Bildungslücken?

  1. WdH

    Guten Tag,

    ich habe ein wenig in Ihrem Blog gelesen und finde ihn durchaus interessant. Insbesondere deshalb weil er mit seinem Titel: Bildungslücke, genau auf den Punkt kommt oder sozusagen ins Schwarze trifft, denn dass es in der Schulbildung eine eklatante Lücke gibt, die bisher auch Lernforscher nicht beschrieben, geschweige denn entdeckt haben, ist wohl jedem der sich mit Bildung beschäftigt hat, seit dem Pisa-Schock, klar gewesen.

    Diese Bildungslücke sollte mit einem neuen Fach geschlossen werden können, das man: Wortbedeutungslehre nennen könnte.

    Nun, warum sollte die bestehende Bildungslücke durch das Lehren von Wortbedeutungen geschlossen werden können? Dies ist sehr einfach zu erklären: Das zu vermittelnde Wissen gelangt von der Lehrkraft zu den Schülern. Die Lehrkräfte liefern oder transferieren das Wissen mittels Kommunikation zum Schüler. So ist die Kommunikation sozusagen die Trägerwelle auf der Wissen hinüber in den Schülerkopf fließt.

    Nun muss das Folgende betrachtet werden: Neu eingeschulte Schüler kommen mit einem Wortschatz von 90 bis 120 Wörtern in die Schule. Bis zum Abitur erhöht sich der Wortschatz der Schüler laufend und man kann durchaus sagen, dass sich der Wortschatz der Schüler zum Ende ihrer Schulzeit hin auf einge tausend Worte erweitert haben wird. Nur nebenbei gesagt, gute Schriftsteller haben einen Wortschatz von 30000 bis 60000 Worten. Goethe hat man nachgesagt, dass er einen Wortschatz von annähernd 90000 Worten gehabt haben soll. So kann man sehen, dass Worte ein sehr weites Feld sind.

    Jetzt muss man sich vergegenwärtigen, dass auf Schülerseite nicht jedes neue Wort sofort richtig verstanden wird. Es entsteht also im Verlaufe der ganzen Schulzeit eine Anhäufung von missverstandenen Worten. Für manche Worte denkt sich der Schüler eigene, aber eben falsche Bedeutungen aus.

    Nun, eine Lehrkraft erklärt vor der Klasse, gibt sich die großte Mühe, rackert sich ab, erklärt die Sache noch auf ganz andere Art und dann kommt die Klassenarbeit und siehe da, die Lehrkraft muss einigen Schülern Vieren und Fünfen als Noten geben. Dies läßt so manche Lehrkraft ihren Idealismus verlieren und es wird nur noch Routineunterricht geliefert. Der Grund weswegen Schüler nicht begreifen sind missverstandene Worte.

    Der Fehler liegt ja nicht auf Seiten der Lehrer! Der Fehler liegt nicht darin, dass es eben kluge und weniger kluge Schüler gibt. Der auftretende Fehler, der das Nichtverstehen können auf Schülerseite verursacht, ist die bisher gänzlich unbeachtet gebliebene Anhäufung von missverstandenen Worten.

    Um nun die Frustation der Lehrer, Schüler und Schülereltern über schlechte Noten zu beenden ist es nur notwendig Wortbedeutungen zu Lehren. Dies würde das Bildungsproblem lösen können. Die Bildungslücke würde sich in Luft auflösen.

    Mit einem kleinen Test lässt sich sehr schnell nachweisen, dass Schüler die Bedeutungen für Worte gar nicht parat haben. Man gehe einmal durch die Klasse und frage verschiedene Schüler: „Was bedeutet das Wort: xxx“. Man nehme nicht bloß komplizierte Worte sondern auch ein paar sogenannte einfache Wörter. Man wird sofort sehen, dass Schüler einfach anfangen herumzudrucksen wenn sie gefragt werden. Oft genug wissen sie nicht die korrekte Bedeutung!

    Wenn Schüler etwas vorlesen, kommt es manchmal vor, dass sie sich dabei verhaspeln und ein Wort einfach nicht richtig aussprechen können. Die gut meinende Lehrkraft wird dem Schüler doch sofort behilflich sein und ihm die richtige Aussprache des Wortes beibringen. Gewöhnlich lässt man den Schüler dann weiterlesen. Aber HALT! STOPP! Was ist hier passiert? Mann, der Schüler konnte das Wort nicht richtig aussprechen weil es neu für ihn war. Er kannte es noch gar nicht. Und heißt dies etwa, dass er die Bedeutung dieses Wortes gar nicht kennen kann? Genau das bedeutet es! Mit einem guten Bedeutungswörterbuch, z. B.: Dem Duden, kannn man dem Schüler die Wortbedeutung lesen lassen. Dann lässt man ihn ein paar eigene Sätze mit dem Wort machen, damit man sieht ob er das Wort wirklich verstanden hat und damit er die Verwendung des Wortes kurz einübt.

    Wenn man in den Lehrplan Wortbedeutungslehre einführen würde, wäre das Bildungsproblem gelöst, denn die erklärende Kommunikation der Lehrkräfte würde auf Schülerseite ganz sicher dann sehr viel besser verstanden werden können und wirklich schlechte Noten wären wohl eine sehr seltene Ausnahme. Ich glaube, dass es eine viel angenehmere Lehrsituation auf Schüler- und auf der Lehrerseite ergeben würde.

    Die Anzahl der Schüler die schwer gelangweilt mit leerem Blick aus dem Fenster starren und nur auf das Ende der Stunde hoffen wird sich ziemlich verringern. Das Klassenklima wird sich verbessern. Das Interesse an den verschiedenen Fächern wird sich verbessern – Davon bin ich überzeugt. OK. Das wars von mir zur sogenannten Bildungslücke.

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