Der Lehrer als Sisyphos. Oder: Mit welcher Haltung ich schreibe

Meine Tätigkeit als Lehrer fühlt sich immer wieder wie eine Sisyphos-Arbeit an: Anstrengend, sinnlos und kein Ende in Sicht. Trotzdem kann man sich mich als glücklichen Lehrer vorstellen. Dies ist ein Versuch, meine Blogger-Haltung mit Hilfe von Camus zu erklären.

Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein selbst wieder hinunterrollte. Sie hatten mit einiger Berechtigung bedacht, dass es keine fürchterlichere Strafe gibt, als eine unnütze und aussichtslose Arbeit.*

Die Leiden des Sisyphos - illustriert vom italienischen Maler Tizian

Die Leiden des Sisyphos – illustriert vom italienischen Maler Tizian

So schildert der französische Philosoph Albert Camus den Mythos des Sisyphos. In seinem Essay „Der Mythos von Sisyphos: Ein Versuch über das Absurde“ zieht er Parallelen zwischen der Marter des Sisyphos und der Absurdität des Daseins des modernen Menschen. Diese Analogie zwischen antikem Mythos und moderner Lebensrealität ist nicht nur Camus aufgefallen: Die gebräuchliche Redewendung „Sisyphos-Arbeit“ beschreibt heute eine sinnlose und anstrengende Tätigkeit, deren Vollendung nicht in Sicht ist.

Leider erinnert mich die Arbeit als Lehrer immer wieder an die Leiden des Sisyphos. Das mag verwundern, da die Bildung von jungen Menschen als durch und durch sinnvolle Tätigkeit erscheint. Tatsächlich macht nicht der eigentliche Auftrag die Lehrer-Tätigkeit absurd. Dafür sorgen vor allem die Zumutungen des Schulsystems, das uns Aufgaben stellt, die wir unmöglich erfüllen können.

Einen großen Beitrag leisten dazu die Bildungspolitiker jedweder Coleur. Nach dem Pisa-Schock wurden die Gymnasien in NRW reformiert. In Stichworten:
Die Verkürzung der Schulzeit. Das Zentralabitur. Die Einführung der Sekundarschule. Die Reform der Ausbildung der Referendare. Neue kompetenzorientierte Kernlehrpläne. Immer mehr Gymnasien werden in Ganztagsschulen verwandelt. Oder neuerdings Inklusion. Gleichzeitig ziehen die Prüfer der Qualitätsanalyse durch die Schulen und hinterlassen in der Regel eine To-Do-Liste, die die Schulen bis zum nächsten Besuch abarbeiten sollen.

Internet, Globalisierung, Werteverfall: Die Lehrer sollen es richten

Doch nicht nur die Politiker halten die Lehrer auf Trab. Auch die sich immer schneller wandelnde Gesellschaft stellt Lehrer vor immer neue Herausforderungen. Schüler sollen nach dem Abitur fit für die Universität sein, die nach der Bologna-Reform und der Einführung von Bachelor und Master vollkommen anders tickt als zuvor. Die Schule soll Jugendliche zudem auf eine Arbeitswelt vorbereiten, deren Dynamik in Zeiten der Globalisierung immer weiter zunimmt. Das Internet, Social Media und Smartphones hat die Lebenswelt der jungen Menschen revolutioniert – eine Herausforderung, die überforderte Eltern ebenfalls gerne an die Schule weiter reichen.

Gleichzeitig sollen die Schulen das humanistische Bildungsideal nicht aus dem Blick verlieren. Den Sinn für das Schöne und Gute. Die Entwicklung der Persönlichkeit. Die Entwicklung eines kritischen Bewusstseins. Die Förderung von Verantwortungsbewusstsein. Und natürlich soll Schule auch Werte vermitteln – gerade dann, wenn das Elternhaus das nicht leisten kann. Was auch immer es an neuen Erfordernissen auf die Gesellschaft zukommt: Die Schule und letztlich die Lehrer sollen es richten.

Die Gesamtheit dieser Anforderungen sind der Felsblock, den Lehrer in ihrem Arbeitsalltag den Berg hinauf rollen müssen. Alle Aufgabe können Schulen und Lehrer schlichtweg nicht meistern – in diesem Licht erscheinen die großen Anstrengungen sinnlos und absurd. Zwar scheint der Gipfel manchmal in greifbare Nähe zu kommen. Doch dann kommt wieder die nächste Reform, der nächste Trend, die nächste gesellschaftliche Revolution. Und der Fels rollt wieder den Hang hinab.

Zusätzlich erschwert es Lehrern die Arbeit, dass sie trotz der zahlreichen Reformen in einem organisatorischen Rahmen agieren, der sich trotz aller Reformen nicht gewandelt hat. Den immer noch weit verbreiteten 45-Minuten-Stundentakt führte Preußen 1911 ein. Und wer in Deutschland Abitur machen will, muss 265 Wochenschulstunden absolvieren. Weil an dieser Verabredung der Bundesländer aus dem Jahr 1964 bei der Einführung von G8 nicht gerüttelt wurde, verbringen Gymnasiasten viele Nachmittage im Klassenzimmer.

Lehrer arbeiten in einem System, das erstarrt ist und gleichzeitig wuchert

Manche Kollegen haben resigniert angesichts der Überforderung in einem Schulsystem, dass gleichzeitig erstarrt ist und wuchert. Sie reagieren auf die Anforderungen mit Gleichgültigkeit und Zynismus. Sie lassen den Stein einfach liegen. Diese Lehrer machen bestenfalls Dienst nach Vorschrift und betrachten mit einem mitleidigem Kopfschütteln die Unbelehrbaren, die sich wie Sisyphos weiter abmühen, den Bildungs-Stein hochzuwuchten. Doch allen denjenigen, die sich dennoch weiter mühen, spendet Albert Camus Trost:

Darin besteht die ganze verschwiegene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache. […] Der absurde Mensch sagt ja, und seine Anstrengung hört nicht mehr auf. […] Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.*

Trotz aller Absurdität im Schulalltag, muss man sich auch mich als einen glücklichen Lehrer vorstellen. Ich mache meinen Job sehr gerne. Ich habe das Lehrer-Schicksal als meines angenommen. Ich tue diese Arbeit, auch wenn ich weiß, dass ich meine Aufgaben niemals vollständig erfüllen kann. Und dennoch werde ich es versuchen.

Dieses Blog ist ein Teil dieser Anstrengung. Ich schreibe hier, weil ich etwas verändern will. Ich glaube, dass unsere Schulen besser werden, wenn künftige Reformen ihren Fokus darauf richten, Lehrer ihre Arbeit zu erleichtern statt sie zu erschweren. Daher werde ich in diesem Blog die Absurditäten des Alltags eines motivierten Lehrers an einem Gymnasium in NRW beschreiben.

Bloggen als Form der Revolte

Mein Ziel ist nicht mehr und nicht weniger einen Beitrag zu einem öffentlichen Diskurs zu leisten, der zu oft zu oberflächlich geführt wird. Auch wenn ich kaum zu hoffen wage, dass dieses Blog irgendetwas ändert, ist es doch meine Form der Revolte. Ich werde den Stein weiter den Berg hoch rollen. Und ich hoffe weiter, dass der Gipfel irgendwann erreicht sein wird.

Für einen Menschen ohne Scheuklappen gibt es kein schöneres Schauspiel als die Intelligenz im Widerstreit mit einer ihm überlegenen Wirklichkeit.*

* Die Zitate stammen alle aus: Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Rowohlt, Düsseldorf 1997.

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