Humboldt und Bildung in der digitalen Welt

Humboldt 2.0? – Klassische Bildung in der digitalen Welt

Was ist Bildung? Über diese Frage denken Menschen schon seit Jahrtausenden nach. Eine Fortsetzung dieses Denkprozesses ist jetzt besonders wichtig: Weil die Digitalisierung die Gesellschaft revolutioniert, gilt es zu klären, wie Bildung in der digitalen Welt beschaffen sein muss.  Denker wie Platon, Kant, Humboldt oder Foucault können dabei heute noch helfen: Ein Rückblick in die Vergangenheit ermöglicht eine verantwortliche Gestaltung der Bildung der Zukunft.

Wenn in diesen Tagen die Vertreter der Jamaika-Parteien über eine mögliche Zusammenarbeit verhandeln, ist klar: Alle wollen Bildung fördern. Und Digitalisierung sowieso. Visionen dafür, wie Digitalisierung und Bildung zusammen funktionieren, scheinen die Politiker nicht zu haben. Teilweise scheint es, als würde es genügen, alle Schulen mit Glasfaser-Anschlüssen und WLAN auszustatten und jedem Kind ein Tablet in die Hand zu drücken.

Kritik an dieser Digitalisierung der Schulen kommt nicht nur von Publizisten wie Manfred Spitzner („Digitale Demenz„) oder Funktionären wie dem ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Lehrerverbandes Josef Kraus. Auch ernst zu nehmende Bildungstheoretiker wie Konrad Paul Liessmann reden die Bedeutung der Digitalisierung im Hinblick auf das Bildungssystem klein.

In den Gedankengängen vieler Kritiker des Einzugs vom Einzug von Smartphone und Tablets in die Schulen kommt zu kurz, dass Digitalisierung das ganze Leben erfasst: Die menschlichen Beziehungen, die Politik, die Medien-Landschaft, die Arbeitswelt. Nicht bleibt, wie es war. Insofern Bildung auf ein gutes Leben vorbereiten soll, muss sie sich also verändern, wenn sie auf ein Leben in einer digitalen Welt vorbereiten soll.

Axel Krommer spricht in diesem Zusammenhang von Bildung unter den Bedingungen von Digitalität. Aber was ist das für eine Bildung? In meinem letzten Blog-Beitrag habe ich bereits die These aufgestellt, dass es zeitlose Bildungsideale gibt, die als Orientierung für eine zeitgemäße Bildung dienen können. In diesem Artikel möchte ich genauer darauf eingehen, was Bildung in einer digitalen Welt  bedeuten könnte. Womöglich ist es zunächst hilfreich zu erläutern, was NICHT diese Bildung ist.

Digitale Bildung ist nicht Digitalisierung des Lernens

Von Bildung zu unterscheiden ist zum einen die Digitalisierung des Lernens. Tools wie LearningApps, Kahoot oder Lernmodi wie Flipped Classroom nutzen digitale Technik, um das Lernen zu vereinfachen und zu verbessern. Diese Digitalisierung des Lernens ist für sich genommen aber noch keine Bildung: Technik ist neutral und kann auch zur Unbildung führen: Insofern viele „analoge“ Lernprozesse keine wirkliche Bildung hervor bringen, sorgt eine Digitalisierung dieser Prozesse nicht unbedingt zu Bildung unter digitalen Bedingungen.

Digitale Bildung ist nicht der Erwerb von Medienkompetenzen

Die Politiker haben inzwischen verstanden, dass Schulen junge Menschen auf ein Leben in der Medienwelt vorbereiten muss. Als zentrales Instrument, hat die Kultusministerkonferenz ein Kompetenzraster erstellt, in dem vielfältige Medienkompetenzen gesammelt sind.

Auch wenn das Papier der KMK mit „Bildung in der digitalen Welt“ überschrieben ist, fällt hier auf, dass der Schwerpunkt auf dem Gebrauch von digitalen Werkzeugen liegt. Solche Medienkompetenzen sind wie Lesen und Schreiben – sie ermöglichen erst den Zugang zur digitalen Bildungswelt, aber sie sind noch keine Bildung. „Kompetenzen“ und „Bildung“ sind aber nicht deckungsgleich. Es ist daher wichtig hier eine gedankliche Trennung vorzunehmen.

Sowohl die Digitalisierung des Lernens als auch die Schulung von Medienkompetenzen sind sehr wichtig. Sie können als Grundlage für eine Bildung in der digitalen Welt dienen. Es ist aber ebenso wichtig, dass beides nicht ausreicht, um unserer Schüler*innen auf ein Leben in der digitalen Welt vorzubereiten.

Was aber ist Bildung in der digitalen Welt? Um eine möglichst differenziertere Antwort auf diese Frage zu entwickeln, ist es sinnvoll auf die reichhaltige Denk-Tradition zurückgreifen: Klassische Bildungstheorien können als Ausgangspunkt für weitere Überlegungen dienen. Lisa Rosa hat in ihrem Kommentar zu meinem letzten Blog-Beitrag zu recht darauf hingewiesen, dass die Bildungs-Konzepte von Kant oder Humboldt natürlich nicht ohne weiteres auf die heutige Zeit übertragen werden können. Aber die Theorien historisch-kritisch im Hinblick auf ihre Bedeutung für unsere Zeit zu befragen, hilft womöglich dabei, über Bildung in der digitalen Welt genauer nachzudenken.

Dieser Text hat dabei nicht den Anspruch eine vollständige systematische Aufarbeitung zu liefern Er soll vielmehr zeigen, inwiefern die Auseinandersetzung mit klassischen Denkern auch in diesem Kontext noch äußerst fruchtbar für den Diskurs sein kann. Zugleich können die klassischen Anforderungen auch als Prüfstein für neue Konzepte zur Bildung in der digitalen Welt dienen.

Elf Bildungs-Klassiker digital gedacht

  1. Wer bin ich: Humboldt postet auf Instagram
  2. Digitale Tugenden: Aristoteles lehrt die 4K
  3. Gelingende Beziehungen: Bieri macht Cybermobbing-Prävention
  4. Gelingende Kommunikation: Wittgenstein erklärt Twitter-Beef
  5. Wahrheitssuche: Platon entlarvt Fake News
  6. Aneignung der Welt: Nietzsche trotzt der Informationsflut
  7. Individualisierung: Montessori fördert handlungsorientierte Medienpädagogik
  8. Autonomie: Kant klärt Facebook auf
  9. Verantwortung: Sartre motiviert die schweigende Masse
  10. Partizipation: Dewey fördert demokratisches Engagement
  11. Lebenskunst: Foucault entwickelt digitale Utopien

Wer bin ich: Humboldt postet auf Instagram

Im Zusammenhang mit Bildung wird gerne das humanistische Bildungsideal von Wilhelm von Humboldt beschworen: Bildung soll demnach Menschen dabei helfen, in Auseinandersetzung mit der Welt die eigene Identität zu entfalten.

„Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit nämlich steht der Mensch, der ohne alle, auf irgend etwas Einzelnes gerichtete Absicht, nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Wert und Dauer verschaffen will. Da jedoch die bloße Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich üben, und die bloße Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie, sich darin ausprägend, fortdauern könne, so bedarf auch der Mensch einer Welt außer sich. Daher entspringt sein Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und seiner Wirksamkeit zu erweitern.“

Bildung liegt also dann vor, wenn ein Mensch in einer fortwährenden, reflektierten Auseinandersetzung mit der Welt zu sich selbst findet. Insofern die Digitalisierung ein Teil der Welt ist, fordert es Humboldts Vorstellung von Bildung, sich mit ihr auseinandersetzen. Die Digitalisierung muss also in jedem Fall auch in den Klassenzimmern thematisiert werden:.

Die weltweite Vernetzung kann die Suche nach der Individualität sogar befördern, weil sie Perspektive weitet: Nie war es einfacher, sich mit der Welt in allen Facetten auseinander setzen und daran persönlich zu wachsen: Internet-Recherchen erlauben Zugriff auf Informationen über das ganze Universum. Per Videokonferenz können Schüler von anderen Kontinenenten live in Klassenraum geschaltet werden. Und virtuelle Realität ermöglicht schon jetzt Exkursionen in ferne Winkel der Welt.

Es ist aber auch zu reflektieren, inwiefern die Digitalisierung die Entwicklung der Individualität auch gefährdet. Die Suche nach der eigenen Identität ist unter digitalen Bedingungen öffentlich geworden: Jugendliche stellen sich online auf Instagram oder Snapchat dar. Soziale Anerkennung ist nun scheinbar quantifizierbar in Form von Likes und Abos. Dadurch entsteht allerdings auch ein nicht zu überschätzender sozialer Druck: Instagram-Abos sind eine Währung, in der Beliebtheit innerhalb einer Stufe gemessen wird. Die Anforderungen – insbesondere an den Körper – werden dabei durch das Netz diktiert.

Instagram fördert dabei als Medium zur Selbstdarstellung die Oberflächlichkeit: Dargestellt wird, was sich per Foto darstellen lässt: Das Aussehen, die Hobbys, das Eigentum. Innere Charakter-Facetten kommen nicht zum Tragen und finden so nicht statt. Und weil sie nicht darstellbar, sind sie auch nicht likebar – in der virtuellen Welt haben sie keinen Wert. Die Digitalisierung kann der Individualisierung also auch schaden, weil sie den Blick der Schüler*innen auf sich selbst verengt. Schulen müssen solche Tendenzen thematisieren und Räume schaffen, in denen die Schüler*innen sich selber auch über den äußeren Schein hinaus kennenlernen können.

Humboldts Bildungsideal ist historisch auch zu verstehen als Reaktion auf Initiativen, die das Schulsystem vor allem zur Entwicklung von Arbeitskräften instrumentalisieren wollten. Humboldts Theorie bietet so eine zentrale Hilfe bei der Unterscheidung von Bildung und Ausbildung. Menschen sollten eben nicht ausgebildet werden, um möglichst kompatibel zu den Anforderungen der Gesellschaft und des Arbeitsmarktes sein, sondern die Entwicklung des Individuums steht im Zentrum. Insofern sträubt sich Bildung gemäß Humboldts Theorie  auch gegen die Vereinnahmung durch die IT-Konzerne wie Google oder Facebook.

Digitale Tugenden: Aristoteles lehrt die 4K

Unabhängig davon, welche Theorie man betrachtet: Das Ziel der Bildung ist letztlich immer ein gutes Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. Für den griechischen Philosophen Aristoteles sind Tugenden wie Tapferkeit, Hilfsbereitschaft oder Wahrhaftigkeit der Schlüssel zu einem guten Leben. Bei Tugenden handelt es sich um Verhalten bzw. Haltungen, die man durch Erziehung und durch Übung erwerben kann.

Auch wenn der aristotelische Tugend-Kanon sicher auch heute noch eine große Bedeutung hat, hat sich die Welt verändert: Globale Trends wie Globalisierung, Urbanisierung, Automatisierung und eben auch Digitalisierung haben die Anforderungen erweitert. Bildung muss sich daher die Frage stellen, welche Tugenden Menschen in der Welt der Zukunft brauchen. Das haben zum Beispiel auch Charles Fadel, Maya Bialik und Bernie Trilling im Buch „Die vier Dimensionen der Bildung“ getan, das Jöran Muuß-Merholz übersetzt hat: Eine Dimension ist dabei der „Charakter“: Achtsamkeit, Neugier, Mut, Resilienz, Ethik und Führung. In einem weiteren Sinne können auch die „Skills“ Kolloboration, Kommunikation, Kritisches Denken und Kreativität als Tugenden gesehen werden.

Aber schon Aristoteles hat gewusst: Es genügt nicht, um die Tugenden zu wissen. Nur durch stetige Übung und Erziehung durch Vorbilder lassen sich solche Charaktereigenschaften auch wirklich festigen. Laut Aristoteles ist es aber nicht nur anstrengend diese Tugenden durch Training zu erwerben. Es gilt auch immer wieder zu reflektieren, wie diese Tugend genau beschaffen sind. Aristoteles beschreibt die Tugenden dabei als richtiges Maß zwischen Extremen. Tapferkeit etwa steht in der Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit.

Auch bei den neuen Tugenden gilt es genau zu reflektieren, wie diese genau beschaffen sind und was hier das richtige Maß ist für ein gutes Leben in der digitalen Welt. Es ist leicht sich auf Allgemeinplätze wie die 4K zu einigen. Die Arbeit fängt erst an, wenn es darum geht, diese zu definieren. Genau das ist aber gefordert, wenn man geeignete Erziehungswege und Übungsformen finden will, um diese Tugenden in den Schulen zu fördern.

Gelingende Beziehungen: Bieri macht Cybermobbing-Prävention

Ein gutes Leben ist nicht nur laut Aristoteles immer ein gelingendes Zusammenleben mit anderen Menschen. Voraussetzungen dafür sind soziale Kompetenzen wie zum Beispiel Empathie. Peter Bier beschreibt diese Fähigkeit als eine Facette der Bildung in seinem Essay „Wie wäre es, gebildet zu sein?“ so:

„Je gebildeter jemand ist, desto besser ist er darin, sich in die Lage anderer zu versetzen. Bildung macht präzise soziale Phantasie möglich. Sie ist es, die verschleierte Formen der Unterdrückung sichtbar macht und Licht wirft auf Grausamkeiten, die man begangen hat, ohne es zu merken. In dieser Form ist Bildung tatsächlich ein Bollwerk gegen Grausamkeit.“

In der digitalen Welt ist dieser Anspruch an Bildung eine besonders große Herausforderung: Dass die Kommunikation nicht mehr von Angesicht zu Angesicht läuft, erschwert die Empathie und senkt merklich die Hemmschwellen: Im WhatsApp-Chat beleidigen sich Schüler*innen mit Worten, die sie von Angesicht zu Angesicht wohl niemals äußern würden. Inzwischen gibt es kaum einen Konflikt im Klassenzimmer, der nicht auch in die Online-Welt schwappt oder dort sogar seinen Ursprung hat. Insofern ist es umso wichtiger soziale Phantasie auch in einer digitalen Welt zu entwickeln.

Gelingt dies, kann die Digitalisierung unsere Beziehungen bereichern: Schließlich erlaubt sie eine Erweiterung des Beziehungsgeflechtes über den ganzen Globus. Insofern kann die Digitalisierung auch einen wichtigen Beitrag zur Verständigung zwischen den Kulturen leisten.

Gelingende Kommunikation: Wittgenstein erklärt Twitter-Beef

Ein Problem bei persönlichen Auseinandersetzungen in der digitalen Welt sind Missverständnisse, die oft auf das jeweilige Kommunikatios-Medium zurückzuführen sind. Das wird zum Beispiel immer wieder bei Diskussionen beim Kurznachrichtendienst Twitter deutlich: Durch die Begrenzung der Zeichenzahl gelingt es oft nicht, Diskurse produktiv zu führen.

Insofern Sprache in der digitalen Welt anders genutzt wird, verändert sich die wahrgenommene Realität. Schon Ludwig Wittgenstein wusste: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Dieses Zitat aus seinem Frühwerk der „Tractatus“ steht für den von Wittgentein maßgeblich eingeleiteten sogenannten Linguistic Turn. Fortan war klar, dass Sprache und ihre Interpretation maßgeblich für unseren Zugang zur Welt ist. Ein Teil von Bildung ist daher die Auseinandersetzung mit Sprache und Kommunikation: Es gilt laut Wittgenstein die Regeln der „Sprachspiele“ zu verstehen.

Kommunikationswissenschaftler wie Friedemann Schulz von Thun, vielen durch sein Kommunikationsquadrat bekannt, haben aufgezeigt, wie komplex die Kommunikation ist. Poststrukturalisten wie Michel Foucault oder Jacques Derrida zeigten auf, inwiefern sich Sprache missbrauchen lässt, um Macht- und Gewaltstrukturen zu etablieren.

Die Aufgabe, Schüler*innen für solche Probleme zu sensibilisieren, stellt sich in der digitalen Welt vollkommen neu: Kommunikation in der digitalen Welt folgt neuen Regeln, die es zu reflektieren gilt: Dazu gehört es auch zu verstehen, was die Digitalisierung mit Sprache macht und wie das die Realität verändert.

Wahrheitssuche: Platon entlarvt Fake News

Nicht nur im Hinblick auf Sprache gilt: Bildung erlaubt uns, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Das hat wahrscheinlich Platon als erster dargestellt. Wer verstehen will, was der griechische Philosoph unter Bildung versteht, kann sein berühmtes Höhlengleichnis aus seinem Werk „Der Staat“ zu Rate ziehen:

„Stelle dir die Menschen vor in einem unterirdischen, höhlenar­tigen Raum, der gegen das Licht zu einen weiten Aus­gang hat über die ganze Höhlenbreite; in dieser Höhle leben sie von Kindheit, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so dass sie dort bleiben müssen und nur ge­gen vorwärts schauen, den Kopf aber wegen der Fes­seln nicht herum­drehen kön­nen; aus weiter Ferne leuchtet von oben her hinter ihrem Rücken das Licht eines Feuers, zwischen diesem Licht und den Gefes­selten führt ein Weg in der Höhe; ihm entlang stel­le dir eine niedrige Wand vor, ähnlich wie bei den Gauk­lern ein Verschlag vor den Zu­schauern errichtet ist, über dem sie ihre Künste zeigen. […] An dieser Wand, so stell dir noch vor, tragen Men­schen mannigfache Geräte vorbei, die über die Mauer hinaus­ragen, dazu auch Statuen aus Holz und Stein von Men­schen und anderen Lebewesen, kurz, alles Mögliche, al­les künstlich hergestellt, wobei die Vor­beitragenden teils sprechen, teils schweigen.“

Die Situation in der Höhle steht metaphorisch für Unbildung. Den Bildungsprozess beschreibt Platon im Anschluss als eine Befreiung aus den Fesseln, die einen Blick hinter die Kulissen erlaubt. Bildung bedeutet in diesem Sinne sich von oberflächlichen Vorurteilen zu befreien und den Dingen auf den Grund zu gehen.

Das Höhlengleichnis beschreibt auch das Leben in der digitalen Welt sehr gut: Denn sind Tweets und Posts nicht Schatten der Realität? Weil sich junge Menschen vor allem über soziale Medien informieren, ist es umso wichtiger, dass Schüler*innen Wahrheits-Kompetenz erwerben. In diesem Sinne gilt es Schüler*innen dazu zu ermächtigen, die Mechanismen der digitalen Medium wirklich zu durchschauen und zu ermutigen der Wahrheit selber auf den Grund zu gehen. Bildung bedeutet in diesem Zusammenhang auch die Fähigkeit, Manipulationen zu entlarven.

Einmal von den Fesseln der Vorurteile befreit, bieten digitale Medien im Hinblick auf die Suche nach Wahrheit große Chancen: Es ist viel leichter geworden Aussagen selbständig auf ihren Wahrheitsgrad zu prüfen. Und Initiativen wie die Open Knowledge Foundation zeigen, dass Big Data nicht nur als Werkzeug der großen Konzerne oder der Sicherheits-Behörden, sondern auch im Dienste der Zivilgesellschaft genutzt werden kann.

Aneignung der Welt: Nietzsche trotzt der Informationsflut

Freier Zugriff auf Informationen führt aber nicht automatisch zu Wissen und Bildung. In seinem Werk „Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben“ beschreibt Nietzsche das Ergebnis eines misslungen Bildungsprozesses:

„Der moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit auch ordentlich im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heißt. […] Das Wissen, das im Übermaße ohne Hunger, ja wider das Bedürfnis aufgenommen wird, wirkt jetzt nicht mehr als umgestaltendes, nach außen treibendes Motiv. Unsere moderne Bildung […] ist gar keine wirkliche Bildung, sondern nur eine Art Wissen um Bildung, es bleibt ihr bei dem Bildungs-Gefühl, es wird kein Bildungsentschluss daraus. Das dagegen, was wirklich Motiv ist und was als Tat sichtbar nach außen tritt, bedeutet dann oft nicht viel mehr als eine gleichgültige Konvention, eine klägliche Nachahmung oder selbst eine rohe Fratze.“

Nietzsche beschreibt ein Problem, das heute noch besteht: In Schulen wird häufig Faktenwissen vermittelt, das die Schüler*innen nicht auf sich selbst beziehen. Das führt zum Bulimie-Lernen, bei dem die Schüler*innen für Prüfungen Wissen ins Kurzzeitgedächtnis schaufeln, ohne es wirklich in ihr Wissens-Netzwerk zu integrieren. Gelingende Bildungsprozess dagegen lassen sich daran erkennen, dass sie den Menschen, sein Handeln, sein Leben nachhaltig beeinflussen.

Das Problem der unverdauten Wissenssteine hat durch die Digitalisierung eine neue Qualität bekommen: Dank Google & Co. können Menschen jederzeit auf einen nahezu unendlich großen Informationsschatz zu greifen. Aber das Zusammentragen von Informationen ist eben noch keine Bildung. Das erlebt man im Klassenraum immer wieder, wenn Schüler*innen ein Referat halten, das sie aus den ersten drei Google-Fundstücken zusammengebastelt haben, ohne irgendwelche Zusammenhänge verstanden zu haben.

Schüler*innen müssen lernen, wie sie aus der Vielzahl an Informationen wirkliches Wissen  schaffen können und wie sie sich dieses Wissen so zu eigenen machen können, dass es sie wirklich betrifft, ergreift, verändert. Das gilt insbesondere auch für Wissen um die digitale Welt: Es genügt nicht, Broschüren zur Cybermobbing-Prävention zu verteilen um Schüler auf ein Leben in der digitalen Gesellschaft vorzubereiten. Nötig ist eine fortwährende, persönliche Auseinandersetzung.

Individualisierung: Montessori fördert handlungsorientierte Medienpädagogik

Wie kann man eine solche persönliche Auseinandersetzung fördern? Schüler*innnen würden laut der  Reformpädagogin Maria Montessori auf diese Frage antworten „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Demnach gilt es eine anregende Lernumgebung zu schaffen, in der sich die Schüler*innen selbständig in ihrem persönlichen Lerntempo aktiv mit den digitalen Medien beschäftigen.

Diese Einbindung der Schüler*innen in den Lernprozess ist gerade bei der Digitalisierung unerlässlich. Lehrern wird es schwer fallen, mit dem Innovationstempo Schritt zu halten. In dem Moment, in dem sie sich etwas bei Facebook angemeldet hatten, waren die Schüler*innen schon zu Snapchat weiter gezogen. Umso wichtiger ist es die Schüler*innen zu beteiligen – auch im Sinne von „Lernen durch lehren“.

Autonomie: Kant klärt Facebook auf

Ein solche Freiheit beim Lernen, soll den Schüler*innen helfen, auch später im Leben selbständige Entscheidungen zu treffen. Eine wichtige Grundlage dafür ist  auch Aufklärung im  Sinne von Immanuel Kant:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Diese Form der Aufklärung ist die Grundlage für Autonomie – also die Fähigkeit sich selber die Regeln des Handelns aufzuerlegen – unabhängig von äußeren Einflüssen und inneren Neigungen.

Digitalisierung und Vernetzung kann diese Form der Autonomie fördern. Dies gelingt nicht zuletzt dadurch, dass wie oben beschrieben der Bildungshorizont erweitert wird: Menschen können sich untereinander über die  ganze Welt hinweg vernetzen und so neue Perspektiven gewinnen. Informationen, die Grundlage für gute eigene Entscheidungen sein können, sind nun im viel größeren Ausmaß frei verfügbar. Und dank der sozialen Medien kann sich im Prinzip jeder an öffentlichen Diskursen beteiligen.

Aber gerade die sozialen Netzwerke bergen auch Gefahren für die Autonomie. Darauf weisen zum Beispiel Harald Welzer und Michael Pauen in ihrem Buch „Autonomie – eine Verteidigung„. hin. Ihre These: Soziale Netzwerke befördern Konformität. Wer bei jeder Äußerung Angst vor Shitstorms haben muss, wird sich viel häufiger zurückhalten. Zudem entstehen Filterblasen, die den Austausch auf kleine soziale Gruppen beschränken.

Dazu kommt nicht zuletzt die Gefahr der Überwachung: Es genügt sich vorzustellen, dass ein Geheimdienst eines autoritären Staates wie etwa der Staatssicherheitsdienst der DDR auf die von Edward Snowden offenbarten Möglichkeiten der Überwachung der NSA zurückgreifen könnte: Menschen, die sich dermaßen überwacht fühlen, werden womöglich die Zensur-Schere im Kopf selber ansetzen.

Vor allem viele jungen Menschen unterschätzen diese Gefahren für die Freiheit und vertrauen ihre Daten freigiebig den großen Konzernen an. Es gehört zur Bildung in der digitalen Welt die jungen Menschen für die Gefahren für die Autonomie zu sensibilisieren.

Verantwortung: Sartre motiviert die schweigende Masse

Ob online oder offline: Freiheit hat ihren Preis – sie kommt nicht ohne Verantwortung. Das hat Jean Paul Sartre in seinem Existentialismus radikal auf den Punkt gebracht:

„Der Mensch – dazu verurteilt, frei zu sein – trägt das Gewicht der gesamten Welt auf seinen Schultern: Er ist für die Welt und für sich selbst verantwortlich.“

Weil wir uns auch anders entscheiden können, müssen wir die Verantwortung für unsere Taten übernehmen. Und weil wir die Welt verändern können, müssen wir auch die Verantwortung für das übernehmen, was in der Welt passiert.

Die Digitalisierung erhöht den Grad der Freiheit: Die Ausrede, man habe von nichts gewusst, gilt nicht mehr. Und insofern die Digitalisierung ein Hebel ist, der die Effektivität unseres Wirkens vervielfachen kann, ist auch die Reichweite des eigenen Handelns viel größer. Ein intelligenter Tweet kann öffentliche Diskurse auslösen, eine Online-Petition kann Gesetzesvorhaben ins Wanken bringen und Veröffentlichung bei Facebook kann politische Karrieren beenden.

Insofern in der digitalen Welt die Freiheit und die Möglichkeiten wachsen, wächst auch die digitale Verantwortung. Schüler*innen müssen lernen mit der oben beschriebenen Gestaltungsmacht umzugehen und Verantwortung für sich und die Welt zu übernehmen  – und zum Beispiel in virtuellen Diskussion-Räumen nicht nur mitzulesen, sondern auch Cybermobbing und Hate-Speech aktiv entgegen zu treten.

Partizipation: Dewey fördert demokratisches Engagement

Die Bereitschaft der Menschen Verantwortung für sich und andere zu übernehmen, ist ohne Zweifel ein Bildungsziel. Wie aber kann man Schüler*innen dazu bringen, nicht nur Verantwortung für sich und ihre Nächsten, sondern für die gesamte Gesellschaft zu übernehmen und sich in die demokratische Gestaltung Gesellschaft einzubringen?

Einer der Vordenker auf diesem Gebiet war der Philosoph John Dewey. Gemäß dem von ihm geprägten Leitspruch „Learning by doing“ müssen Kinder und Jugendliche Demokratie möglichst früh und intensiv schon in der Schule leben, um sie zu verinnerlichen. Ich habe schon darüber geschrieben, dass das jetzige Schulsystem eine solche aktive Demokratie-Pädagogik nicht begünstigt.

Schüler*innen sollten ermächtigt werden, die digitalen Werkzeuge nicht nur zur Selbstdarstellung zu nutzen. Auch wenn die Piraten-Partei und ihre Versuche, die Partizipation mit der Plattform Liquid-Feedback zu fördern, vorerst gescheitert sind, haben sie doch das Potential gezeigt, dass digitale Medien bei der Förderung der Partizipation haben können.

Das gilt es für die Schulen fruchtbar zu machen: Zum einen bieten die sozialen Medien die Möglichkeit sich an öffentlichen Diskursen zu beteiligen: Schüler*innen können dabei selber zum Publizisten zu werden. Aber auch bei Initiativen und Entscheidungen können digitale Medien helfen. Projekte wie Aula oder Jugend.beteiligen.jetzt unterstützen Schulen dabei, mit digitalen Mitteln die Partizipation von Schüler*innen vor Ort zu steigern.

Widerstand: Frost organisiert Widerstand gegen Google

Individualität, Autonomie, Verantwortung, Partizipation: Diese Bildungsziele stehen dafür, die Schüler*innen in ihrer Gestaltungskraft zu stärken. Die Begriffe umfassen aber auch eine Dimension des Widerstandes gegen Konformität. Zu allen Zeiten haben die Mächtigen versucht Bildung zu instrumentalisieren: Faschisten und Kommunisten nutzten Schulen zur Gleichschaltung, Neoliberale zur Schaffung möglichst marktkonformer Arbeitskräfte.

Die Bildungs-Theoretikerin Ursula Frost weist in ihrem Vortrag „Bildung ist auch Widerstand“ darauf hin, dass Bildung immer auch den Widerstand gegen solche Vereinnahmung fördert: Bei Kant als Widerstand der Autonomie gegen Fremdbestimmung oder bei Humboldt als Widerstand der Entfaltung der ganzen Person gegenüber Verzweckung.

Im Zeitalter der Digitalisierung bedeutet das nicht Widerstand gegen die Digitalisierung. Wie in jedem der oberen Punkte beschrieben, kann sie Bildungsprozesse befördern. Sie ist aber auch missbrauchbar: Konzerne wie Google und Facebook nehmen nicht zuletzt durch ihre Algorithmen und die Gestaltung ihrer Dienste großen Einfluss. Widerstand kann hier bedeuten, die der Bildung zuträglichen Dimensionen der Digitalisierung zu bewahren und vor Vereinnahmung durch die Konzerne zu schützen.

Lebenskunst: Foucault entwickelt digitale Utopien

Diese Vereinnahmung der Bildung durch Konzerne ist teilweise schon jetzt zu beobachten, wenn es um Digitalisierung geht. Die Argumentation von Wirtschafts-Vertretern im Hinblick auf die erforderliche digitale Transformationen des Schulsystems hat oft folgendes Muster: Durch die Digitalisierung werden viele einfache Tätigkeiten wegfallen. Um die Menschen für den Arbeitsmarkt der Zukunft fit zu machen, müssen die Schulen neue Fähigkeiten fördern wie die 4K.

Das Zeitalter von der Digitalisierung kann statt als Gefahr für unsere Arbeitsplätze aber auch als mögliche Befreiung gesehen werden: Es rückt eine Welt in Reichweite, in der Menschen womöglich weniger arbeiten müssen. Dies stellt das Bildungssystem vor neue Herausforderung: Menschen müssen womöglich nicht für die Arbeitswelt, sondern auf eine arbeitsfreie Existenz vorbereitet werden, die es mit Sinn zu füllen gilt.

In seinem Spätwerk beschrieb Michel Foucault „Künste der Existenz“ und „Selbsttechniken“, in denen ein gutes Bildungssystem Menschen unterweisen könnte:

„Darunter sind gewusste und gewollte Praktiken zu verstehen, mit denen sich Menschen nicht nur die Regeln ihres Verhaltens festlegen, sondern sich selbst zu transformieren suchen, sich in ihrem besonderen Sein zu modifizieren und aus ihrem Leben ein Werk zu machen suchen, das gewisse ästhetische Werte trägt und gewissen Stikriterien entspricht.“

In diesem Sinne sollte Bildung Menschen in die Lage versetzen, ihr Leben in einer digitalen Welt kreativ zu gestalten. Schule soll den jungen Menschen den Mut vermitteln in einer sich ständig verändernden Welt neue, eigene Lebenswege zu finden. Dadurch können sie nicht zuletzt auch die Gesellschaft jenseits der vorgegebenen Normen kreativ gestalten – womöglich auch unabhängig von den vermeintlich alternativlosen Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft. Bildung könnte so verstanden die Fähigkeit zur Gestaltung von Utopien sein.

Diese Fähigkeit zur Phantasie ist in Zeiten der Digitalisierung wichtiger denn je: Es ist nahezu unmöglich abzusehen, wie sich unsere Gesellschaft entwickeln wird. Die jungen Menschen müssen daher in ihrer Gestaltungskraft gestärkt werden. Schließlich ist es die Generation der Schüler*innen, die künftig unsere digitalisierte Welt zu einem  Ort machen sollen, in dem Menschen ein gutes Leben führen können.

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