Demokratie in der Schule

Demokratie-Defizit: Schulen formen keine mündigen Bürger

Laut der Wochenzeitung „Die Zeit“ erleben wir gerade „Die Rückkehr des Politischen“. Tatsächlich gehen in diesen Tagen Zehntausende auf die Straße, um für ein demokratisches Europa zu demonstrieren. In den deutschen Schulen ist von dieser Aufbruchstimmung wenig zu spüren: Das Schulsystem erschwert politische Bildung eher statt sie zu fördern.

Am 7. Mai wird vielleicht die Idee eines vereinten Europa zu Grabe getragen . Dann findet die Stichwahl bei der Präsidenten-Wahl statt. Sollte die Rechtspopulistin Marine LePen gewinnen, könnte Frankreich aus der EU austreten – das wäre wohl das Ende für den europäischen Staatenbund. Gegen die antieuropäischen Tendenzen der der vergangenen Jahre regt sich nun zunehmend Widerstand: So gehen an diesem Wochenende im Rahmen von „Pulse of Europe“ und dem „March of Europe“ Zehntausende für ein demokratisches Europa auf die Straße.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ führt die Demonstrationen als einen Beleg dafür an, dass das politische Bewusstsein bei vielen Menschen wieder erwacht ist. Womöglich hat das Erstarken autokratischer Politiker wie Trump, Erdogan oder Orban vielen Menschen wieder vor Augen geführt: Demokratie ist nicht selbstverständlich.

Öffentliche Schulen könnten und sollten bei der Verteidigung der Demokratie eine wichtige Rolle spielen. Natürlich finden sich auf Websites der Ministerien Hinweise darauf, dass Demokratie an Schulen gefördert werden muss. Und natürlich werden nicht wenige Lehrer in diesen Tagen die SuS für den Ernst der Lage sensibilisieren. Das Schulsystem selbst erschwert die politische Bildung und Erziehung zur Demokratie aber eher als sie zu fördern. Diesen Befund möchte ich anhand von sechs Thesen untermauern.

These 1: Das System erlaubt zu wenig Partizipation von Schülern

Laut dem Sozialphilosoph Oskar Negt ist Demokratie die einzige Staatsform, die gelernt werden muss. Wie aber soll Erziehung zur Demokratie aussehen? Einer der Vordenker auf diesem Gebiet war der Philosoph John Dewey. Gemäß dem von ihm geprägten Leitspruch „Learning by doing“ müssen Kinder und Jugendliche Demokratie möglichst früh und intensiv leben. Diese These vertritt auch Kurt Edler, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik, in einem Beitrag für die Bundeszentrale für Politische Bildung:

Der junge Mensch muss in der Schule auch demokratische Erfahrungen sammeln können, um sich die Haltungen und Routinen eines aktiven Demokraten anzueignen. Es geht um eine Kombination von Haltung, Bewusstsein, Wissen und praktischen Fähigkeiten. Wie gestalte ich ein Debattenforum, bei dem der Streit Spaß macht? Wie lege ich ein Weblog an, das zum Mitdiskutieren anregt? Wie organisiere ich eine gut besuchte Kundgebung? Wie wirke ich der Hate Speech in Online-Dialogen entgegen?

Ein Versuch, diese Idee des „Learning by doing“ umzusetzen, sind so genannte demokratische Schulen. Dort werden die SuS maßgeblich an den Entscheidungen beteiligt, was und wie sie lernen. Das wohl bekannteste Beispiel ist die Summerhill School. Dort bestimmt die von Schülern dominierte Schulversammlung auch über alle Regeln. Dadurch entsteht jedoch kein rechtsfreier Raum: Tatsächlich haben sich die SuS in Summerhill über 150 Regeln auferlegt.

Auch wenn eine so umfangreiche Beteiligung an deutschen Schulen wohl in absehbarer Zeit nicht realisierbar sein wird, ist durchaus Schüler-Partizipation vorgesehen und gewünscht. So enthält der „Referenzrahmen Schulqualität NRW“, in dem die Landesregierung Kriterien für eine gute Schule aufführt, auch einen Eintrag zur Demokratie. Demnach gehört es zum Beispiel zu einer guten Schulkultur, wenn eine demokratische Gestaltungs-, Diskussions- und Streitkultur existiert. Und tatsächlich sieht auch das Schulgesetz in NRW Schüler-Partizipation vor: So müssen laut Paragraph 66 Schüler-Vertreter in der Schulkonferenz sitzen, einem Gremium, das über viele Aspekte des Schullebens entscheidet.

In der Realität ist der Gestaltungsspielraum der SuS in der Schulkonferenz aber begrenzt. Zum einen können  die Vertreter von Lehrern und Eltern mit ihrer Mehrheit die SuS jederzeit überstimmen. Es hängt daher sehr stark vom Willen der Erwachsenen ab, inwieweit SuS an Entscheidungen ernsthaft beteiligt werden. Zum anderen hat die Schulkonferenz auf viele gesetzlich geregelte Aspekte des Schullebens gar keinen Einfluss: Richtlinien wie Lehrpläne bestimmen den Schulalltag und schränken die Gestaltungsspielräume von SuS stark ein.

These 2: Die Standardisierung verhindert die Entwicklung von Autonomie

Autonomie ist sicherlich eine zentrale Grundlage für die Beteiligung in demokratischen Prozessen. Diese Fähigkeit mündiger Bürger, selbstbestimmt und souverän zu entscheiden, ist seit der Aufklärung eines der zentralen Ziele von Bildung. In den letzten Jahren wurden die Freiheitsgrade für alle Beteiligten im Bildungssystem durch zunehmende Standardisierung allerdings reduziert. Beispiele dafür sind die Bologna-Reformen im Hochschulwesen und die Einführung des Zentralabiturs in NRW.

Es stellt sich die Frage, wie junge Menschen in einem standardisierte Bildungssystem zu mehr Eigenverantwortung und Gestaltungswillen erzogen werden sollen. Zwar propagieren Bildungspolitiker im öffentlichen Diskurs immer wieder das selbstständige Lernen als Ziel. Im Schul-Alltag ist das aber nur schwer zu realisieren. Möglich ist in einem standardisierten System – wenn überhaupt – nur selbstgesteuertes und kein autonomes Lernen. Angesichts des hohen Grades an Fremdbestimmung ist fragwürdig, ob das Schulsystem in der Lage ist, die für Demokratie nötige Autonomie wirklich zu fördern.

These 3: Erziehung zur Demokratie ist kein zentrales Ziel von Gymnasien

Die Teilhabe an demokratischen Prozessen erfordert personale und soziale Kompetenzen wie Gesprächs- oder Kritikfähigkeit.  Vor allem in der gymnasialen Oberstufe hat die Förderung solcher Soft-Skills keine Heimat. Denn am Gymnasium steht die Vorbereitung auf das Hochschulstudium im Vordergrund. So heißt es etwa auf der Homepage des Bildungsministeriums in NRW:

Ziel des Gymnasiums ist die Vermittlung einer vertieften allgemeinen Bildung, die zur Aufnahme eines Hochschulstudiums befähigt und für eine berufliche Ausbildung qualifiziert.Der Unterricht soll zur Auseinandersetzung mit komplexen Problemstellungen anleiten und zu abstrahierendem, analysierendem und kritischem Denken führen.

Kritisches Denken soll also quasi nebenbei durch die wissenschaftspropädeutische Ausbildung im Fachunterricht gefördert werden. Sicherlich ist eine breite Allgemeinbildung eine wichtige Voraussetzung, um sich kritisch in Diskurse einmischen zu können. Doch Wissen ist nichts wert, wenn SuS nicht lernen, es verantwortungsvoll und sinnhaft im Sinne der Gemeinschaft einzusetzen. Für einen aktiven und kreativen Umgang mit Wissen lassen die vollen Lehrpläne wenig Raum. Und ich habe ja schon in einem früheren Beitrag kritisiert, wie wenig (selbst-)kritisches Denken an im Fachunterricht gefördert wird.

These 4: Im Fachunterricht findet zu wenig Demokratie-Bildung statt

Fachliche Ausbildung und Erziehung zur Demokratie müssen sich ja nicht ausschließen. Man könnte ja annehmen, dass in den gesellschaftswissenschaftlichen Fächern wie Sozialwissenschaften, Geschichte oder Philosophie an den staatsbürgerlichen Tugenden gearbeitet wird.

Tatsächlich haben diese Fächer aber einen schweren Stand. Meiner Wahrnehmung nach wird Politik zum Beispiel viel häufiger fachfremd unterrichtet als andere Fächer. Das hat wohl auch damit zu tun, dass Eltern hier weniger kritisch auf die Qualifikation achten als etwa bei Mathematik. Untersuchungen in Hessen und in NRW deuten darauf hin, dass mein Eindruck nicht ganz falsch ist.

Ohnehin ist Politik in der Stundentafel von der Klasse 5 bis 9 in NRW nur mit insgesamt sechs Wochenstunden vorgesehen. Dass ist im Schnitt nur etwas mehr als eine Unterrichtsstunde pro Woche. Da viele Schulen diesen Unterricht zu Doppelstunden zusammenfassen, haben viele Schüler in mehreren Schuljahren gar keinen Politik-Unterricht.

Ein gutes Beispiel, welchen Stellenwert das Thema Demokratie in anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern einnimmt, liefert der Lehrplan Philosophie: Zunächst einmal lässt sich positiv hervor heben, dass Demokratie dort überhaupt vorkommt. Aber das Thema wird inhaltlich in einer von Dutzenden Kompetenzen zusammen mit der sozialen Gerechtigkeit abgehandelt:

Die Schülerinnen und Schüler analysieren und rekonstruieren eine staatsphilosophische Position zur Bestimmung von Demokratie und eine zur Bestimmung von sozialer Gerechtigkeit in ihren wesentlichen Gedankenschritten.

Es braucht kein Studium der Philosophie, um sich vorstellen zu können, dass ich als Lehrer diesem Thema mit den dafür zur Verfügung stehenden drei bis vier Doppelstunden nicht gerecht werden kann.

These 5: Lehrer haben zu wenig Zeit für aktuelle Bezüge im Unterricht

Natürlich haben Lehrerinnen und Lehrer die Möglichkeit und eigentlich auch die Pflicht, aktuelle Themen aufzugreifen und Schwerpunkte zu setzen. Ein Unterricht, der keine Bezüge zur Lebenswelt der SuS herstellt, ist kein guter Unterricht. Darauf verweisen auch gerne Politiker, die auf zu wenig Politik-Unterricht in den Schulen angesprochen werden.

Die Frage ist allerdings, inwieweit das Bildungssystem dafür die notwendigen Freiräume lässt. Zum einen erschwert die Standardisierung die individuelle Planung: Weil die Pädagogen SuS auf zentral gestellte Prüfung vorbereiten müssen, bedeuten individuelle gestaltete Stunden immer das Risiko, dem Anspruch auf eine gute Vorbereitung auf das Abitur nicht gerecht zu werden.

Zum anderen haben Lehrer insgesamt viel zu wenig Zeit, um guten Unterricht zu gestalten. Aktuelle Bezüge im Unterricht setzen eine eingehende Auseinandersetzung mit den Inhalten auseinander, für die oft die Zeit fehlt. So bleibt es oft dabei, dass bewährte Unterrichtsentwürfe aus der Schublade gezogen werden und unabhängig von der Weltlage wird Unterricht nach Plan gemacht.

Dieser persönliche Eindruck erhärtete sich erst kürzlich wieder, als ich die aktuelle Lage der Demokratie kurz in einigen Oberstufen-Kursen thematisierte. Eigentlich wollte ich nur einen kurzen Impuls geben. Daraus wurde in einem Physik-Grundkurs ein 90 Minuten langes Gespräch. Am Ende der Stunde bedankten sich mehrere SuS bei mir mit dem Kommentar: „Darüber sprechen wir sonst gar nicht.“ Diese offensichtliche Abkapselung der Schule von der Lebensrealität erinnerte mich an den Tagebuch-Eintrag von Franz Kafka : „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“

Grund 6: Die Schüler haben keine Zeit mehr für Engagement außerhalb des Unterrichtes

Im Unterricht ist also oft zu wenig Raum für die Auseinandersetzung mit Demokratie. Doch können die Schulen nicht in außerunterrichtlichen Angeboten das demokratische Bewusstsein fördern? Hier macht die Schulzeitverkürzung von G9 zu G8 an den Gymnasien leider einen Strich durch die Rechnung. Da die Gesamtzahl der Stunden bis zum Abitur gleich geblieben ist, haben die SuS mehr Stunden pro Schuljahr mehr Stunden.

Oberstufen-Schüler haben dadurch oft an vier Nachmittagen Unterricht. Eine Folge davon ist, dass außerunterrichtliche Angebote wie die Schülervertretung vor allem von Oberstufen-Schülern weniger frequentiert werden. Denn selbst die engagierten SuS haben neben Hausaufgaben, ihrer Tätigkeit im Verein oder ihrer Band-Mitgliedschaft kaum noch Zeit für ehrenamtliches Engagement in der Schule.

3 Gedanken zu „Demokratie-Defizit: Schulen formen keine mündigen Bürger

  1. Herr Rau

    Den Thesen 1-4 stimme ich voll und ganz zu. Ich halte diese Punkte auch für keine guten Entwicklungen beziheungsweise keinen guten Zustand; es wäre schön, wenn man daran etwas ändern würde. Ich will allerdings ergänzen, dass bei einem demokratischen System – statt eines eher paternailistischen, wie es jetzt ist – wichtig ist, dass die Entscheidungsträger mit den Konsequenzen ihrer Entscheidungen leben. Und die Schule schützt Schüler und Schülerinnen weitgehend vor Konsequenzen.

    Bei den Thesen 5 und 6 bin ich mir weniger sicher. Das mit der Zeit für die Inhalte glaube ich nicht so ganz, aber das hängt von Fach und Land und Bundesland ab. Meine Kollegen klagen auch oft über Zeitmangel, allerdings liegt das in manchen Fällen auch an der Schwerpunktsetzung. Klar geht nicht alles. Und dass die SuS nicht mehr so viel Zeit haben… ja und nein. Bei uns sind sie in der Schularbeit engagierter als früher. Ich denke, das ist kompliziert.

  2. D.S. Artikelautor

    Bei These 5 spreche ich vor allem aus eigener Erfahrung. Wenn ich beispielsweise in Philosophie Schülerinnen und Schüler aufs Abitur vorbereiten will/darf/muss, hechele ich oft durch die vom Lehrplan vorgegebenen Themen: Ich kann dann kaum vertiefen. Dieser Zeitnot fallen dann auch manchmal die aktuellen Bezüge zum Opfer. Teilweise fahre ich dann zweigleisig, und mache mit den SuS die ins Abitur gehen ein anderes Programm als mit den anderen. Aber das ist eine vom System aufgezwungene Individualisierung, die ich wenig sinnvoll finde.

    Bei These 6 habe ich vor allem die G8-Oberstufen-Schüler im Auge. Wenn ich mir teilweise deren Stundenpläne ansehe mit 10-Stunden-Tagen und vier Nachmittagen, dann kann ich gut verstehen, dass sie nach Unterrichtsschluss raus aus der Schule wollen und sich nicht noch zusätzlich in der SV engagieren.

  3. Arno Nym

    Ich kenne das aus den Vorstellungsgesprächen: 17jährige (für Berufsakademieplatz) und 22jährige mit Bachelor Abschluss, die nie einen Rückschlag erleben und verarbeiten mussten, die widerstandsfrei und stromlinienförmig die Ausbildung durchlaufen haben, nur auf Selbstoptimierung, -darstellung und Bulemielernen optimiert, bewerben sich bei uns. Was soll ich mit denen bitte anfangen? Und wie soll die Gesellschaft aussehen, mit Menschen, deren Wertesystem beliebig anpassbar ist, da keine Zeit für normale Entwicklung und Reflektion blieb, wenn von 8-16 Uhr Schule und danach büffeln angesagt war.

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