Zitat Lerndialog: Kann es sein, dass sie Vorurteile gegen mich haben?

Lerndialoge: Wieso Lehrer nicht mit Schülern reden

Eine gute Zusammenarbeit von Lehrern und Schülern ist die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. Die Kooperation ist aber nur dann erfolgreich, wenn beide Parteien sich über den Lernprozess austauschen. Lerndialoge darüber, was warum wie gelernt werden soll, sind erfolgversprechend – und werden dennoch im Schulalltag nur selten geführt.

Es gibt Unterrichtsstunden, die wie von selbst laufen: Die Schüler verstehen das Problem, sie arbeiten motiviert und selbständig an den Aufgaben, sie stellen kluge Fragen, sie diskutieren untereinander. Und gerade in dem Augenblick, in dem ich mir selbst anerkennend auf die Schultern klopfen will, blicke ich in ein ratloses Gesicht von einem Schüler der offensichtlich keinen blassen Schimmer hat, worum es überhaupt geht.

Ich merke immer wieder: So unterschiedlich die Schülerinnen und Schüler (SuS) sind, so unterschiedlich sind auch ihre Lernwege. Wenn ich als Lehrer dieser Individualität gerecht werden will, muss ich die unterschiedlichen Bedürfnisse, Talente und und Ziele der SuS kennen. Wieso in der oben beschriebenen Situation der betroffene Schüler nicht lernt, kann ich nur herausfinden, wenn ich ihn frage. Allgemein formuliert: Nur wenn Lehrer und Schüler sich offen austauschen, kann guter Unterricht gelingen.

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Die Zitate in der Bildergalerie stammen aus schriftlichen Lerndialogen mit SuS aus einer 8. Klasse. Dabei hatte ich den SuS in der Mitte eines Quartals eine schriftliche Rückmeldung meiner Wahrnehmung zu ihrer Arbeit und ihren Leistungen gegeben. Diese enthielt aber auch Fragen: Wieso meldest Du Dich so selten? Was kann ich tun, um Dir beim Lernen zu helfen? Oder auch einfach nur: Wie geht es Dir? Es ist überraschend, wie ernsthaft, offen und ehrlich die SuS auf Fragen eingehen und über ihr Lernen schreiben, wenn man sie fragt. Ich möchte in diesem Text analysieren, wieso solche Lerndialoge das Lernen fördern, und wieso Lehrer und Schüler dennoch zu selten miteinander reden.

Reden über Leistungs- und Lern-Ziele

In Lerndialogen können Lehrkräfte sich mit SuS über ihren Leistungsstand und über ihre Lernziele austauschen. Wie sinnvoll eine gemeinsame Reflexion ist, kann man unter anderem der Hattie-Studie entnehmen. Laut der Studie ist das wirksamste Mittel zur Steigerung des Lernerfolges, wenn Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Leistungsniveau selber einschätzen und darüber auch in den Dialog mit dem Lehrer treten.

Die Rolle der LuL ist dabei laut Hattie folgende: Wenn SuS ihre Leistungsfähigkeit einschätzen und eigene Ziele formulieren, stapeln sie oft zu tief: Sie setzen sich dann Ziele, bei denen sie sicher sind, dass sie sie erreichen können. Die Aufgabe der Lehrer ist nun, sie dazu zu motivieren, sich höhere Ziele zu setzen, um ihr Potential voll auszuschöpfen. Dabei hat sich gezeigt, dass schon allein die höheren Erwartungen der Lehrkräfte einen positiven Effekt auf die Leistung der SuS haben können (Stichwort Pygmalion-Effekt).

Reden über guten Unterricht

Wenn SuS nicht lernen, liegt das oft nicht zuletzt an den Lehrkräften. Nicht immer passt der Unterricht zu den Bedürfnissen der Schüler. Lehrer, die es mit der Individualisierung ernst meinen, müssen bei der Planung auf die Bedürfnisse und Wünsche der SuS eingehen. Das geht aber nur dann, wenn alle Beteiligten über den Unterricht ins Gespräch kommen.

Regelmäßiger Austausch über guten Unterricht ist auch deshalb wichtig, weil SuS nur dann eigene Ideen einbringen, wenn sie das Gefühl haben, dass sie Einfluss auf den Unterricht nehmen können. Erfahrungsgemäß dauert es immer eine Weile, bis SuS mir glauben, dass ihre Ideen wirklich willkommen sind. Ist der Bann aber erst einmal  gebrochen, bereichern sie den Unterricht mit guten Ideen und liefern dadurch einen Beitrag zur Individualisierung, der ich alleine nicht gewachsen bin.

Reden über Lern-Hindernisse

In Lerndialogen können auch die Lern-Hindernisse in den Blick genommen werden: Gibt es Faktoren, die das Lernen stören? Manchmal sorgen Spannungen innerhalb der Lerngruppe für ein schlechtes Klima. Auch bestimmte Verhaltensweisen des Lehrers können störend wirken. Und nicht zuletzt können private Probleme das Lernen erschweren.

Als Lehrer vergisst man oft, welche außerschulischen Belastungen SuS ausgesetzt sein können: Angst um die Versetzung, Scheidungskrieg der Eltern, eine gescheiterte Liebesbeziehung. Nicht für jedes Problem haben Pädagogen sofort Lösungen. Hintergrundwissen hilft aber dabei, das Verhalten von SuS besser zu verstehen, angemessen zu reagieren und gemeinsam Wege zu finden, wie das Lernen im Unterricht trotzdem gelingen kann.

Reden über Menschliches

Die Grundlage dafür, dass SuS offen über ihre Schwierigkeiten sprechen, ist ein Vertrauensverhältnis. Voraussetzung dafür ist aber Zeit und gegenseitige Zuwendung. Ein  Small-Talk vor dem Beginn des Unterrichts trägt oft viel mehr zu einer guten Lernatmosphäre bei, als besonders durchdachte Lernarrangements. Informellen Gespräche bilden meiner Erfahrung nach die Grundlage für die Bildung eines Vertrauensverhältnisses, das auch die Grundlage für gute Lerndialoge ist. Nur wenn SuS ihrem Lehrer vertrauen, werden sie Probleme, Sorgen und Wünsche im Hinblick auf ihren Lernprozess offen aussprechen.

Zuwendung sollte dabei in keinem Fall als bloße Sozialtechnik zur Optimierung des Lernerfolges verstanden werden. Es geht vielmehr darum, ein menschliches Miteinander im Klassenzimmer zu realisieren, das eben nicht nur ein Lernraum, sondern auch ein Lebensraum ist.

Warum Lehrer und Schüler nicht reden

Ich habe bereits darüber geschrieben, dass Kooperation zwischen Lehrern schwierig ist. Die Rahmenbedingungen für Lerndialoge zwischen Lehrkräften und SuS sind noch schlechter.  Ich habe ja bereits ausgeführt, warum die Pflege des Lehrer-Schüler-Verhältnis und die individuelle Förderung an die Grenzen es Schulsystems stößt. Im Hinblick auf Lerndialoge ist das größte Problem an Gymnasien aus meiner Sicht das Betreuungsverhältnis. Als Nebenfachlehrer am Gymnasium unterrichte ich bis zu 150 SuS. Es ist nahezu unmöglich, mit allen einen Dialog über ihren Lernprozess zu pflegen. Würde ich mit jedem meiner Zöglinge pro Halbjahr zwei Mal je zehn Minuten über ihren Lernprozess sprechen, wären das 50 Stunden. Zeit, die ich nicht habe.

Es fehlen zudem im Schulalltag Zeitfenster, in denen sich Lehrer und Schüler in Ruhe austauschen können. Beide Parteien haben vollgepackte Stundenpläne. Feste Sprechzeiten sind an den meisten Schulen nicht vorgesehen. Oft gibt es nur einmal pro Halbjahr einen halbtägigen Schüler-Eltern-Sprechtag. Weil die Zeit an diesen Tagen nicht für alle SuS reicht, sind diese Termine meist den SuS vorbehalten, die besonders große Schwierigkeiten haben oder deren Eltern besonders engagiert sind.

Ein nicht zu unterschätzendes Problem sind zudem die fehlenden Räumlichkeiten. Es gibt in Schulen nur selten Besprechungsräume, in die sich LuL und SuS zurück ziehen können, um ungestört Gespräche in angenehmer Atmosphäre führen zu können.

Auswege aus der Sprachlosigkeit zu mehr Lerndialogen

Ein Ausweg bilden schriftliche Lerndialoge. Dabei ist der Zeitaufwand aber nicht zu unterschätzen. Ein Briefwechsel mit allen SuS kostet sehr viel Zeit. Aufgrund des chronischen Zeitmangels von engagierten Lehrern ist das, wenn überhaupt, nur hin und wieder möglich.

Daher sind echte Lerndialoge aus meiner Sicht nur dann möglich, wenn die Anzahl der Unterrichtsstunden und der Lerngruppen reduziert werden würde, die die Lehrer betreuen. Regelmäßige Gespräche mit SuS sollten als fester Bestandteil der Arbeitszeit eingeplant werden. Dann bliebe mehr Zeit für die individuellen Austausch mit SuS und es wäre einfacher Zeitfenster für Sprechzeiten einzurichten.

Für den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses wäre es zudem von Vorteil, wenn Lehrer möglichst lange mit SuS zusammenarbeiten würden. Häufiger Lehrerwechsel ist aber etwa beim Wechsel von der Stufe 9 in die Einführungsphase und dann in die Qualifikationsphase systematisch bedingt: Innerhalb von drei Schuljahren haben die SuS in ein und demselben Fach meist drei verschiedene Lehrer, die sie erst einmal kennenlernen müssen: Diese Umstände sind für Lehrer wie Schüler keine gute Grundlage für gelingende Lerndialoge.

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2 Gedanken zu „Lerndialoge: Wieso Lehrer nicht mit Schülern reden

  1. Nina Toller

    Danke für die tollen Hinweise!
    Einiges findet bei mir schon statt, wie die kleinen Smalltalk-Phasen vor dem eigentlichen Unterrichtsbeginn, aber die Idee mit den schriftlichen Lerndialogen werde ich ausprobieren!

    1. D.S. Artikelautor

      Ich kann Dich da nur ermutigen! Aus meiner Sicht lohnt sich der Aufwand. Schließlich kann ein solcher Lerndialog auch beglückend sein, da die SuS diesen Weg durchaus auch nutzen, um Ihre Anerkennung auszudrücken.
      Ein weiterer Grund für die Schriftlichkeit: Gerade für die zurückhaltenden Schüler_innen, die sich oft schwer damit tun ihr Bedürfnisse auszudrücken, ist das ein guter Kommunikationsweg.

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