Wie der Physik-Lehrplan den Spaß am Lernen verdirbt

Physik ist laut Umfragen eines der unbeliebtesten Schulfächer. Dabei ist es eigentlich einfach, Physik-Unterricht zu entwickeln, der den SuS Spaß macht und bei dem sie viel lernen. Leider ist Freude am Lernen im Lehrplan scheinbar nicht vorgesehen.

Es herrscht eine konzentrierte Ruhe im Physik-Raum. Eigentlich haben die Neuntklässler gerade Fünf-Minuten-Pause. Es ist nicht ganz klar, ob sie das gar nicht mitbekommen haben, oder ob sie lieber einfach weiter arbeiten wollen. Plötzlich durchbricht ein jauchzender Freudenschrei die Stille: Die erste Schülerin hat es geschafft ihren selbst gebauten Elektromotor zum Laufen zu bringen. Ihre Augen leuchten in freudiger Erregung. Die anderen Schüler schauen auf und betrachten den surrenden Motor anerkennend. Doch schnell gehen sie wieder an die Arbeit – ihr Motor soll schließlich auch bald rotieren.

Der Bau eines Elektromotors ist eines der Unterrichtsprojekte, die ich im Physik-Unterricht in der Mittelstufe durchführe. Dabei werkeln die SuS über mehrere Wochen an einem Bau-Projekt und wenden dabei den zuvor behandelten Physik-Stoff an. In der Klasse 7 elektrifizieren die SuS ihr eigenes Schukarton-Zimmer, um  Wissen über komplexen Schaltungen anzuwenden. Und in der Stufe 8 nutzen die SuS ihr Know-How über Kräfte und deren Zerlegung beim Bau einer Brücke aus Spagetti-Nudeln.

Bilder von Schüler-Projekten

Die SuS wenden bei diesen Projekten ihr theoretisches Wissen praktisch an. Sie erleben Physik dabei nicht als abstrakte Theorie, sondern als anwendbares Praxis-Know-How. Lernpsychologisch erhoffe ich mir davon, dass durch das Selber-Tun die sinnlichen Erfahrungen mit den Theorien verknüpft werden. Insofern entsprechen diese  Projekte meinem Anspruch, dass erfolgreiches Lernen ganzheitlich und handlungsorientiert sein sollte.

Die Projekte sind aber nicht nur fachlich wertvoll: Die SuS erwerben auch zahlreiche „Soft-Skills“: Bei der Arbeit in Teams lernen sie zum Beispiel Arbeit sinnvoll aufzuteilen und mit Konflikten umzugehen. Überraschend viele SuS haben zudem zum ersten Mal Werkzeug in der Hand. Und letztlich ist allein dadurch viel gewonnen, wenn die SuS auf diesem Weg Spaß am Lernen haben.

Schüler experimentieren und basteln gerne

Das scheint der Fall zu sein: Ich führe in jeder Lerngruppe mindestens einmal pro Schuljahr ein Schüler-Feedback durch: Die SuS können dabei sagen, was Ihnen am Unterricht gefällt und welche Verbesserungen sie sich wünschen. Die Unterrichtsprojekte erfreuen sich dabei fast uneingeschränkter Beliebtheit. Die SuS schätzen die Aktivität sowie die selbstständige und freie Arbeit als willkommene Abwechslung zum theorielastigen Schulalltag.

Neben den Projekten haben die SuS laut dem Feedback im Physik-Unterricht besonders viel Spaß an Schüler-Experimenten. Experimentieren ist eine Mischung aus erlebnisorientiertem Lernen und dem Erwerb von fachwissenschaftlicher Methoden-Kompetenz. Dass diese Form der Arbeit nachhaltiges Lernen fördert, erlebe ich immer wieder: Während SuS sich an bloße Theorien nur sehr kurzzeitig erinnern können, bleiben ihnen die Ergebnisse eines selbst durchgeführten Experimentes lange im Gedächtnis – und im besten Fall auch die damit verknüpften Theorien.

Die Möglichkeit Projekte und Experimente durchzuführen, machen es Physik-Lehrern eigentlich leicht erlebnis- und handlungsorientierten Unterricht zu planen und den SuS somit nachhaltiges Lernen zu ermöglichen.

Ein übervoller Lehrplan verhindert Freude am Lernen

Wenn das so einfach ist – wieso ist die Realität in den meisten Physik-Räumen eine andere? Wieso ist Physik in Umfragen bei Schülern das unbeliebteste Fachvor allem bei Mädchen? Das mag daran liegen, dass noch nicht jeder Kollege die oben beschriebenen Möglichkeiten nutzt. Viele schreckt womöglich ab, dass es in der Regel deutlich aufwändiger ist, derart schülerorientierten Unterricht vorzubereiten und zu organisieren. Auf die Zeitprobleme von Lehrern bin ich ja schon ausführlich eingegangen.

Aber auch Physik-Lehrer, die gerne ihre Zeit in guten Unterricht investieren wollen, stoßen an die Grenzen des Schulsystems.  Der heillos überfrachtete Physik-Lehrplan macht schülerorientierten Unterricht mit Projekten und Experimenten nahezu unmöglich.

Das lässt sich auch für Laien plausibel machen: Ein Schuljahr Physik besteht an Gymnasien in NRW aus rund 35 Doppelstunden. In dieser Zeit fordert der Lehrplan die Abdeckung von zahlreichen Inhaltsfeldern. Alleine in der Klasse 6 muss der Unterricht 30 Inhaltsfelder aus den Bereichen Elektrizität, Licht und Schall sowie Temperatur und Energie abdecken (siehe Fußnote unten). Für jedes der Themen haben Lehrer also nur knapp jeweils eine Doppelstunde Zeit.

Der Lehrplan schweigt sich darüber aus, wie all diese Anforderung in der dafür zur Verfügung stehenden Zeit untergebracht werden sollen. Zwar kann man durch gute Planung mit einem Projekt mehrere Inhaltsfelder und Kompetenzen abdecken, doch die Rechnung geht nicht auf: Wollen Physik-Lehrer alle Themen in einem Schuljahr unterbringen, müssen sie die Themen mehr oder weniger frontal durchpauken. Für zeitaufwändige Projekte, Schülerexperimente oder die Analyse von Superhelden-Filmen ist so gut wie kein Zeit-Raum.

Das Lehrer-Dilemma: Dienstpflicht vs.Schülerwohl

Gerade die Lernarrangements, die sich bei den SuS der größten Beliebtheit erfreuen und lernpsychologisch ebenfalls erfolgversprechend erscheinen, sind also sehr schwer mit der Dienstpflicht zu vereinbaren, die Lehrpläne einzuhalten.

Als Lehrer stecke ich automatisch in einem Dilemma: Auf der einen Seite steht die Pflicht, die Richtlinien einzuhalten, die der Arbeitgeber vorgibt. Auf der anderen Seite steht die Pflicht den SuS gegenüber, möglichst lernförderlichen Unterricht zu gestalten. Ein gutes Schulsystem sollte seine Pädagogen nicht vor eine solche Wahl stellen.

Fußnote: Was in ein Jahr Physik-Unterricht passen soll:

Folgende Inhaltsfelder schreibt der Lehrplan Physik für die Klasse 5 bzw. die Klasse 6 vor:

Elektrizität
1) Sicherer Umgang mit Elektrizität, 2) Stromkreise, 3) Leiter und Isolatoren, 4) UND-, 5) ODER- und 6)Wechselschaltung, 7) Dauermagnete und 8) Elektromagnete, 9) Magnetfelder, 10) Nennspannungen von elektrischen Quellen und Verbrauchern, 11) Wärmewirkung des elektrischen Stroms, 12) Sicherung, 13) Einführung der Energie über 14) Energiewandler und 15) Energietransportketten
Temperatur und Energie
16) Thermometer, 17) Temperaturmessung, 18) Volumen- und Längenänderung bei Erwärmung und Abkühlung, 18) Aggregatzustände (Teilchenmodell), 19) Energieübergang zwischen Körpern verschiedener Temperatur, 20) Sonnenstand
Das Licht und der Schall
21) Licht und 22) Sehen, 23) Lichtquellen und Lichtempfänger, 24) geradlinige Ausbreitung des Lichts, 25) Schatten, 26) Mondphasen, 26) Schallquellen und Schallempfänger, 27) Reflexion, 28) Spiegel, 29) Schallausbreitung, 30) Tonhöhe und Lautstärke

Anmerkung: Die Nummerierung der Inhaltsfelder habe ich vorgenommen. Dazu kommen noch zahlreiche Kompetenzen, die im Physik-Unterricht abgedeckt werden müssen.

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