Soziale Kompetenzen müssen Schüler erlernen

Soziales Lernen: Erwachsen werden ist kein Lernziel

Politiker, Arbeitgeber und Eltern sind sich einig darin, dass die Schule jungen Menschen soziale Kompetenzen vermitteln soll. Zudem ist ein gutes soziales Klima im Klassenraum die Voraussetzung für erfolgreiches Lernen. Wann die Schülerinnen und Schülern an ihren Fähigkeiten zu einem respektvollen und gewaltfreien Miteinander arbeiten sollen, ist allerdings unklar. In den Stundenplänen ist Soziales Lernen jedenfalls nicht vorgesehen.

Manche Sätze hört man häufiger als andere. Zum Beispiel: Das ist wie Fahrradfahren, das verlernt man nicht, Soll ich die Schuhe ausziehen oder Das schmeckt so ein bisschen wie Hühnchen. Anhand solcher „Hauptsätze“ analysierte der Autor Max Scharnigg eine Weile lang in einer Kolumne in der Süddeutschen Zeitung die Befindlichkeiten der Bundesrepublik.

Auch in Schulen ist es oft aufschlussreich, welche Sätze öfter fallen als andere. Einer davon ist: „Das ist ja schön und gut, aber woher soll ich die Zeit dafür nehmen?“ Diesen Satz höre ich auf so gut wie jeder Lehrer-Fortbildung. Er beschreibt die gemischten Gefühle, die Schulungen meist auch bei mir erzeugen: Häufig nehme ich viele neue gute Ideen mit. Und häufig stelle ich mir die Frage, wie ich diese Ideen in den Schulalltag integrieren soll. Das letzte Mal hörte ich den Satz auf einer Lions-Quest-Forbildung. Lions Quest ist ein Jugendförderprogramm zur Förderung des Sozialen Lernens. Dabei geht es darum, für das Miteinander wichtige Kompetenzen wie Empathie, Kontakt-, und Kommunikationsfähigkeit, Kooperations- und Konfliktfähigkeit sowie Zivilcourage zu fördern. Die Entwicklung dieser sozialen Kompetenzen ist dabei untrennbar von der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit. „Erwachsen werden“ lautet daher der Titel des Lions-Quest-Programms.

Soziale Kompetenz ist Grundlage für erfolgreiches Lernen

Die Entwicklung von Persönlichkeit und sozialen Kompetenzen ist aber nicht nur die Grundlage für ein Leben in einer Gemeinschaft. Sie bildet auch die Grundlage für erfolgreiches Lernen im Unterricht: Nur wenn sich SuS mit sich selbst und anderen klar kommen und sich in ihrer Klassengemeinschaft wohl fühlen, können sie auch gut lernen.

Lions-Quest bildet inzwischen in vielen Schulen einen wichtigen Baustein des sozialen Lernens. Das Programm ist im Laufe der Jahre vielfach überarbeitet worden und bietet fertig geplante, praxistaugliche Stunden, um mit SuS im Klassenraum an ihren sozialen Kompetenzen zu arbeiten. Wer die Fortbildung verlässt, könnte also direkt anfangen, den SuS beim Erwachsen werden zu helfen.

Ein Fach „Soziales Lernen“ fehlt im Stundenplan

„Das ist ja schön und gut, aber woher soll ich die Zeit dafür nehmen?“, entfuhr es dennoch einer Kollegin, nachdem wir eine der vielen Lions-Quest-Methoden ausprobiert hatten. Sie verwies damit auf das Problem, im Schulalltag Zeitfenster zu finden, mit den SuS zu arbeiten. Ein Fach „Soziales Lernen“ gibt es an Gymnasien in NRW nicht. Damit die Schulung sozialer Kompetenzen dennoch einen Platz hat, haben manche Schulen zumindest in den ersten Jahren der Erprobungsstufe noch Klassenzeiten oder sogar Lions-Quest-Stunden im Stundenplan integriert.

Spätestens in der Mittelstufe ist das an Gymnasien in der Regel vorbei. Die Tage der SuS sind dann sehr eng getaktet: Denn als im Rahmen der Verkürzung der Schulzeit auf acht Jahre gekürzt wurde, blieb die Zahl der Stunden gleich. Schüler in der Mittelstufe haben daher bis zu 35 Wochenstunden und müssen in der Regel auch dann zwei Nachmittage in der Schule verbringen, wenn sie keine Ganztags-Schule besuchen. Die Schulwoche ist also schon voll mit Fach-Unterricht – soziales Lernen ist nicht mehr vorgesehen. Gerade dann, wenn in der Mittelstufe bei vielen SuS die Pubertät und das Erwachsen werden einsetzt, stellt die Schule die Unterstützung notgedrungen meist ein. In der Stundentafel ist soziales Lernen schlichtweg nicht vorgesehen.

Strafen sind klar geregelt, präventive Maßnahmen nicht

Das persönliche Befinden und das Miteinander wird meist nur dann thematisiert, wenn akute Konflikte auftreten. Vor allem Klassenlehrer sind deshalb oft gefordert, ihre Unterrichtszeit zur Verfügung zu stellen, um Streitigkeiten innerhalb der Klasse zu lösen oder Fehlverhalten zu thematisieren. Im Schulgesetz des Landes NRW ist in Paragraph 53 geregelt, welche erzieherischen Maßnahmen ihnen hier zur Verfügung stehen:

„Zu den erzieherischen Einwirkungen gehören insbesondere das erzieherische Gespräch, die Ermahnung, Gruppengespräche mit Schülerinnen, Schülern und Eltern, die mündliche oder schriftliche Missbilligung des Fehlverhaltens, der Ausschluss von der laufenden Unterrichtsstunde, die Nacharbeit unter Aufsicht nach vorheriger Benachrichtigung der Eltern, die zeitweise Wegnahme von Gegenständen, Maßnahmen mit dem Ziel der Wiedergutmachung angerichteten Schadens und die Beauftragung mit Aufgaben, die geeignet sind, das Fehlverhalten zu verdeutlichen.“ (aus: Schulgesetz NRW, §53, Absatz 2)

Wenn solche „erzieherischen Maßnahmen“ nicht fruchten, folgt im Anschluss eine klar geregelte Folge von „Ordnungsmaßnahmen“ vom Schriftlichen Verweis bis zur Entlassung aus der Schule, bei dem die Verantwortung unter Schulleitung und einer Teilkonferenz klar aufgeteilt ist.

Wenn es darum geht, Fehlverhalten nachträglich zu ahnden, ist das Schulsystem also organisatorisch gut aufgestellt. Dagegen fehlen organisatorische Strukturen bei der Prävention durch soziales Lernen. So sind etwa fest an einer Schule angestellte Schulsozialarbeiter oder Schulpsychologen weiterhin die Ausnahme. Die LuL sind daher meist auf sich allein gestellt. Gerade an Gymnasien sind die Pädagogen aber zumeist nur unzureichend ausgebildet. Und selbst gutwillige Lehrer, denen das Wohl ihrer SuS am Herzen liegt, haben im Schultag schlichtweg zu wenig Zeit für Zuwendung.

Oberstufen-Schüler werden mit ihren Problemen allein gelassen

In der Oberstufe verschärft sich der systematische Mangel nochmal: Die SuS verlassen den Klassenverband, der vielen eine soziale und emotionale Heimat bot. Sie sitzen dann in neuen Kursen mit ihnen zumindest zum Teil unbekannten Menschen. Dazu kommt ein wachsender Leistungsdruck angesichts der gestiegenen Bedeutung der Noten für die Zukunft. Mit diesen persönlichen und sozialen Herausforderungen lässt das Schulsystem die SuS alleine.

Das liegt unter anderem daran, dass die Vorgaben fürs Zentralabitur eine hohe Schlagzahl vorgeben: Bis zu den Abiturprüfungen müssen LuL und SuS eine vorgegebenen Stoffmenge bewältigen. Das setzt nicht nur die SuS, sondern auch die Lehrkräfte unter Druck – darunter leidet das Miteinander.

Man könnte die aktuellen Strukturen des Schulsystems verteidigen, indem man anführt, dass der Fachunterricht als solcher auch die sozialen Kompetenzen fördert. Ist Bildung nicht per sé der beste Wege zur persönlichen Reife? Im Lehrplan Physik heißt es etwa:

„Der Unterricht in den Fächern Physik, Chemie und Biologie unterstützt gleichzeitig auch die Entwicklung personaler und sozialer Kompetenzen, die lebenslanges Lernen und gesellschaftliche Mitgestaltung ermöglichen. Schülerinnen und Schüler sollen deshalb im Unterricht insbesondere Verantwortung für das eigene Lernen übernehmen, bewusst Lernstrategien einsetzen und gemeinsam mit anderen physikalische, biologische und chemische Phänomene erkunden und Konzepte erarbeiten.“ (aus: Kernlehrplan Physik)

Wie das angesichts der zahlreichen fachlichen Anforderungen quasi nebenbei funktionieren soll, erklärt das Dokument nicht. Im Zweifelsfall bleibt die Verantwortung für das soziale Lernen an den Schulen und den Lehrkräften hängen. Viele Schulen suchen nach Lösungen die sozialen Kompetenzen in außerunterrichtlichen Angeboten zu fördern. SuS können sich bei Initiativen wie „Schule ohne Rassismus“ engagieren oder sich zum Streitschlichter oder Medienscouts ausbilden lassen.

Engagement für Soziales Lernen als ehrenamtliche Mehrarbeit

Viele LuL und SuS investieren bei solchen Aktivitäten ehrenamtlich viel Zeit und Kraft. Einen Ausgleich gibt es in der Regel für solches Engagement nicht. Wem soziales Lernen wichtig ist, wer SuS beim Erwachsen werden helfen will, muss also Freizeit dafür investieren. Wünschenswert wäre, wenn das Schulsystem sowohl den Lehrkräften als auch den SuS mehr Schulzeit für das Miteinander geben würde.

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