Guter Unterricht braucht Ideen brauchen Zeit

Wer in Deutschland Abitur macht, hat weit über 10.000 Schulstunden in Klassenzimmern verbracht. Die meisten Schüler werden sich nach ihrer Schulkarriere aber nur an eine Handvoll davon erinnern. Das liegt unter anderem daran, dass Lehrer zu wenig Zeit für gute Ideen haben.

Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, erinnere ich mich an gemeine Streiche, die wir unsern Lehrern gespielt haben. Ich erinnere mich auch an den einen oder anderen Wutausbruch eines Pädagogen, an dem wir meist nicht unschuldig waren. Und ich erinnere mich an einige Damen, denen ich während des Unterrichts sehnsüchtige Blicke zugeworfen habe.

Vom Unterricht ist nicht viel im Gedächtnis hängen geblieben. So habe ich beispielsweise aus zwei Jahren Erdkunde-Leistungskurs ausschließlich die Erinnerung an die rote Mappe des Lehrers, aus der er seinen Unterricht vortrug. Ich kann nur hoffen, dass die vielen Stunden zumindest zu meiner Allgemeinbildung beigetragen oder mein Unterbewusstsein positiv geprägt haben.

Die da im Latein-Unterricht

An eine Lateinstunde in der 8. Klasse erinnere ich mich aber noch gut. Thema waren die Demonstrativ-Pronomen. Ein sicherlich nicht sonderlich spannendes Thema. Aber unsere Lehrerin hatte eine gute Idee: Wir hörten das damals aktuelle Lied „Die da“, den ersten großen Hit der „Fantastischen Vier“. Jeder Schüler bekam Karten mit Demonstrativ-Pronomen, die wir hochhalten sollten, wenn sie im Lied vor kamen. Vor allem kommt in dem Lied natürlich „Die da“ vor, was auf lateinisch ista heißt. Die anderen Karten wie „hic, haec, hoc“, „ille, illa, illud“ und „ipse, ipsa, ipsum“ kamen eher selten zum Einsatz – wer mag kann das Spiel ja mal nachspielen.

Und dennoch habe ich behalten, dass es verschiedene Demonstration-Pronomen gibt, die in unterschiedlichen Kontexten benutzt werden. Und einige habe ich davon sogar noch im Kopf. Das liegt zum einen daran, dass diese Stunde sich so sehr vom grauen Einerlei des Schulalltags unterschied. Das lag aber auch daran, dass es an meiner Lebenswelt andockte. Das Lied war damals ein Chart-Stürmer und, so weit ich mich erinnern kann, der erste deutschsprachige Hip-Hop-Hit.

Dass die Stunde in meinem Gedächtnis haften geblieben ist, lässt sich neurowissenschaftlich erklären. Unsere Gehirne sind relativ einfach gestrickt: Grob zusammengefasst merkt sich das Gehirn, was überraschend ist, was uns gefühlsmäßig erreicht, was an vorhandenes Wissen andockt. Die Verknüpfung von Latein und Hip-Hop ist offensichtlich vielversprechend.

Werbung und Unterricht lebt von guten Ideen

Diese einfachen Muster machen sich Werbe-Agenturen zunutze. Ein guter Werbe-Spot sorgt für Aufmerksamkeit und bleibt in Erinnerung. Dazu muss er ausgefallen sein. Dazu muss er den Zuschauer persönlich und möglichst auch emotional ansprechen. Grundlage dafür ist immer eine außergewöhnliche Idee. Das gleiche gilt auch für merkwürdige Unterrichtsstunden: Die Verbindung von Latein und Hip-Hop war offensichtlich eine gute Idee.

Unterricht ist aber auch ein Verwandter der Kunst. Eine Funktion von Kunst ist es sicherlich, Leute zum Nachdenken zu bringen. Selbst Künstler, die einer solchen Instrumentalisierung eine Absage erteilen, wollen sicherlich nicht, dass ihre Kunst bei dem Betrachter nichts auslöst und ihn kalt lässt. Eine gute Unterrichtsstunde ist wie ein Kunstwerk. Sie provoziert Schüler. Sie bringt sie zum Grübeln, zum Lachen oder manchmal auch zum Weinen. Sie lernen etwas über sich oder über die Welt.

Egal ob Werber oder Künstler. Beide brauchen Muße und Zeit, um Ideen zu entwickeln, die bei ihrem Publikum die gewünschten Reaktionen auslösen. Gute Ideen fallen nicht vom Himmel. Sie sind die Frucht von Auseinandersetzung mit einem Thema. Sie sind das Ergebnis von Kooperation mit anderen Menschen. All das geht aber nicht ohne Zeit.

Lehrer brauchen 24,5 gute Ideen pro Woche

Ich weiß nicht wie viele Kunstwerke pro Tag ein durchschnittlicher Künstler schafft. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass eine Werbe-Agentur wochen- oder monatelang an einem Konzept für einen Werbespot feilt. Als Lehrer an einem Gymnasium in NRW soll ich jede Woche 24,5 Schulstunden füllen – am besten mit 24,5 guten Ideen. Die unzähligen langweiligen, inspirationslosen Unterrichtsstunden in deutschen Klassenzimmern sind daher unterem anderem das Ergebnis einer Überforderung: Kein Lehrer kann jede Unterrichtstunde kreativ zu füllen – dafür sind es einfach zu viele.

Es ist natürlich unmöglich, jede Stunde so unterhaltsam zu gestalten wie einen guten Werbespot oder so beeindruckend wie ein Kunstwerk. Aber mit etwas mehr Zeit wäre es möglich, öfter Unterricht zu entwickeln, der nicht sterbenslangweilig ist. Der auch auf den ersten Blick dröge Inhalte ansprechend präsentiert. Der Zusammenhänge zwischen den Inhalten und der Lebenswelt der Schüler herstellt. Der die Schüler vor Aufgaben stellt, die sie interessieren und motivieren. Und den Schüler manchmal auch in guter Erinnerung behalten.

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