Aufgaben im Unterricht: Langeweile statt Motivation

Viele der Aufgaben, die Schülerinnen und Schüler in ihren Schulbüchern bearbeiten müssen, sind sterbenslangweilig. Um selber motivierende Lernaufgaben zu entwickeln, fehlt Lehrern oft die Zeit – und eine extrinsische Motivation.
„Warum soll ich das überhaupt machen?“ Diese Frage stellen sich Schülerinnen und Schüler (SuS) insgeheim wahrscheinlich sehr oft. Sinnlose und öde Herausforderungen gehören sicherlich zum Alltag fast aller Menschen. Die Quote solcher nicht motivierenden Aufgaben ist aber wahrscheinlich an kaum einem Ort so groß wie an Schulen.

Das gilt auch für Aufgaben aus Physik-Büchern, die ich meinen SuS manchmal stelle. Diese gehen dann ungefähr so:

Zwei punktförmige Massen von 25 bzw. 50 kg befinden sich in einem Abstand von einem Meter. Bestimme mit Hilfe des Gravitationsgesetzes die Gravitationskraft, die zwischen den beiden wirkt.

Die Frage liegt nahe: Wieso um Himmels willen sollte ein Schüler das wissen wollen? Es mag Lehrer geben, die sich damit abgefunden haben, dass ihr Tun dem sinnlosen Treiben des Sisyphos gleicht. Schülerinnen und Schülern (SuS) ist das eigentlich nicht zuzumuten.

Ohne Motivation kein Lernen

Natürlich kann man die SuS darauf hinweisen, dass das Rechnen von Aufgaben im Physik-Unterricht vor allem der Übung dient. Doch wenn SuS wirklich etwas lernen sollen, genügen solche Vernunfterwägungen als Motivation nicht – echtes Interesse ist erforderlich. Denn Zusammenhänge zwischen der Nachhaltigkeit des Lernens und Motivation sind längst neurowissenschaftlich belegt. Wenn das der Neurowissenschaftler Gerhard Roth erklärt, hört sich das so an:

Interesse und Motiviertheit drücken sich in Erhöhung des noradrenergen Systems, das die allgemeine Aufmerksamkeit erhöht (leichter Erwartungsstress), des dopaminergen Systems (Neugier, Belohnungserwartung) und des cholinergen Systems (gezielte Aufmerksamkeit, Konzentration) aus. Diese Systeme machen die Großhirnrinde und den Hippocampus bereit zum Lernen und fördern die Verankerung des Wissensstoffes im Langzeitgedächtnis. Wie dies genau passiert, ist nicht bekannt. Bekannt ist hingegen, dass die Stärke des emotionalen Zustandes, den der Schüler als Interesse, Begeisterung, Gefesseltsein empfindet, mit der Gedächtnisleistung positiv korreliert.

Vereinfacht gesagt: Das Gehirn merkt sich nur das, was es im besten Sinne des Wortes merkwürdig findet. Diese scheinbare pädagogische Binsenweisheit gilt natürlich auch für Aufgaben. An eine gute Aufgabe können sich SuS sogar noch Monaten später erinnern. Weil sie motivierend und/oder unterhaltsam war. Weil sie ein interessante Ergebnis lieferte. Weil sie sie herausgefordert hat.

Das Gravitationsgesetz mit Liebe lernen

Und es ist gar nicht so schwer, Aufgaben interessanter zu gestalten. Das gelingt zum Beispiel, indem man Aufgabe in einen Kontext rückt, der die SuS interessiert – beim Gravitationsgesetzt bietet sich zum Beispiel die Astronomie an. Es motiviert SuS deutlich mehr die Kräfte zwischen den Planeten als zwischen punktförmigen Massen zu berechnen. Meiner Erfahrung nach funktioniert es noch besser, mit Aufgaben kleine Geschichten zu erzählen. Aus der drögen Buchaufgabe zum Gravitationsgesetz lässt sich auch eine tragische Liebesgeschichte spinnen:

Max und Rebecca sind sehr ineinander verliebt. Doch zwischen ihnen wirkt nicht nur eine starke emotionale Anziehung. Genau wie bei Planeten herrscht zwischen ihnen auch eine Gravitationskraft, deren Stärke sich mit Hilfe des Gravitationsgesetzes berechnen lässt.

  1. Berechne mit Hilfe des Gravitationsgesetzes: Wie groß ist die Gravitationskraft zwischen Max und Rebecca bei einem Abstand von einem Meter, wenn ihre Massen 70 bzw. 55 Kilogramm betragen.
  2. Rebecca hat inzwischen ein Auge auf den feschen Nils geworfen – die emotionale Anziehungskraft zu Max lässt daher nach. Max will Rebecca nicht verlieren und möchte diese Abnahme durch Gewichtszunahme und die somit steigende Gravitationskraft wett machen. Berechne: Wie groß müsste Max‘ Masse sein, damit er Rebecca bei einer Geschwindigkeit von 1 m/s auf einer Umlaufbahn von einem Meter halten kann.
  3. Bewerte abschließend: Wie groß sind die Chancen von Max mit Hilfe seiner Strategie Rebecca dauerhaft an sich zu binden?

Auch wenn die Aufgabe nun schöner verpackt ist, bleibt es doch eine simple Rechenaufgabe. Noch vielversprechender als tragische Liebesgeschichten im Physik-Unterricht sind sogenannte Lernaufgaben: Dabei handelt es sich um sehr offen gestellt Aufgaben, die den SuS größere Spielraume bei der Bearbeitung eröffnen.

Mehr Motivation durch Lernaufgaben

Gute Lernaufgaben ermöglichen, fordern und fördern

  • zielgerichtetes, gut strukturiertes und ergebnisorientiertes Arbeiten
  • eigenständiges Vorgehen
  • den Austausch mit einem Partner oder innerhalb einer Gruppe
  • fachliche Differenzierung nach Niveau und Neigung
  • die Nutzung unterschiedlicher Strategien
  • Fehler, die während des Arbeitsprozesses auftreten, als Lerngelegenheiten zu nutzen

Diese Kriterien stammen von einer Seite zu Lernaufgaben im Englisch-Unterricht in Grundschulen. Sie sind aber auch auf alle anderen Fächer anwendbar. Und Lernaufgaben vermitteln oder vertiefen also nicht nur den behandelten Stoff, sondern trainieren auch die Fähigkeiten zur Problemlösung. Zudem dienen sie zur Individualisierung des Lernens, da Lernaufgaben den SuS viel mehr Freiheiten lassen.

Die Erkenntnisse über die Kriterien für gute Aufgaben scheinen an den Schulbuchverlagen vorbei gegangen sein. Das gilt nicht nur für Physik-Bücher, sondern auch für Bücher in meinem anderen Fach – Philosophie. Auch hier hat sich in den vergangenen Jahren wenig getan: Philosophie-Bücher sind meist Sammlungen philosophischer Texte mit dazugehörigen Fragen.

Aufgaben in Schulbüchern sind nicht zur Bearbeitung gedacht

Ein befreundetet Kollege, den ich sehr schätze, arbeitet an solchen Schulbüchern mit. Ich fragte ihn, warum die Arbeitsaufträge meist so dröge seien. Seine Antwort überraschte mich: „Die Arbeitsaufträge sind von uns Autoren nicht zur Bearbeitung gedacht. Sie sollen den Kollegen vielmehr als inhaltliche Anregungen dienen, um auf dieser Basis ihren Unterricht zu planen und eigene Aufgaben zu entwickeln.“

Ich fragte, warum dann überhaupt Arbeitsaufträge in den Büchern seien. Die Antwort war noch ernüchternder: „Die Schulbuchverlage wollen das so. Die Verlage haben Angst, dass sich ein Philosophie-Schulbuch nicht gut verkauft, das nicht aus Texten und Fragen dazu besteht, weil die Lehrkräfte das so gewöhnt sind.“ Anders formuliert: Schulbücher sind so, wie sie sind, weil sie schon immer so waren. Und deshalb werden sie wohl auch noch eine Weile so bleiben.

Wenn LuL gute Lernaufgaben in ihren Unterricht integrieren wollen, müssen sie diese also in der Regel selber entwickeln. Aber eine gute Lernaufgabe zu entwickeln, erfordert viel Zeit und Muße, die im Arbeitsalltag oft fehlt: An einem Gymnasium in NRW unterrichteten LuL mit einer vollen Stelle 25,5 Schulstunden pro Woche. Diese mit motivierenden Lernaufgaben zu füllen ist vor dem Hintergrund der sonstigen Arbeitsbelastung schlichtweg eine unmöglich zu meisternde Herausforderung. Dazu kommt, dass Eltern die Arbeit mit Büchern akzeptieren und teilweise sogar einfordern – schließlich kennen sie es aus ihrer Schulzeit nicht anders. Ein Lehrer, der eigene Aufgaben entwickelt, macht sich deshalb eher angreifbarer für Anfragen und Einsprüche.

Gedankenexperiment: Was für ein Lehrertyp sind sie?

Es wäre jetzt einfach mit dem Finger auf die Lehrkräfte zu zeigen, die „nur“ mit dem Buch arbeiten und ihren SuS langweilige Aufgaben stellen. Sind das nicht genau die faulen Lehrer, die das Problem im Schulwesen sind? Bevor Sie zu diesem Urteil kommen, sollten vor allem Nicht-Lehrer folgendes Gedankenexperiment durchführen:

Stellen Sie sich vor, sie arbeiten in einem Handwerksbetrieb. Ihr Job ist anstrengend und sie machen ständig unbezahlte Überstunden. Ihre Werkzeuge werden vom Arbeitgeber gestellt. Sie taugen zwar wenig, sind aber billig. Sie könnten in ihrer Freizeit bessere Werkzeuge herstellen, mit denen Sie qualitativ viel hochwertige Produkte herstellen könnten. Aber Sie wissen schon, dass Ihnen dieses Engagement niemand danken würde. Ihre Kollegen würden sie wegen ihrer neumodischen Werkzeugen und ihrem überdurchschnittlichen Engagement kritisch beäugen. Dass ihre besseren Produkte bei den Kunden besser ankommen ist ebenfalls zweifelhaft – schließlich haben sich diese an die gleichbleibend schlechte Qualität der Produkte ihres Unternehmens gewöhnt. Und selbst wenn ihre Produkte bei der Kundschaft sehr gut ankommen, sind sie sicher, dass von Ihrem Chef keine Gehaltserhöhung oder sonstige Annehmlichkeiten zu erwarten sind. Sie wissen genau, was er sagen wird, wenn Sie ihn darauf ansprechen: „So ein Engagement für unser Unternehmen ist doch wohl selbstverständlich.“

Und? Wie würden Sie entscheiden? Was für ein Handwerker wären Sie?

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Bild: Joerg Trampert / pixelio.de

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