Wie der gesellschaftliche Wandel die Schulen abhängt

Digitale Revolution, Klimawandel, Flüchtlingsströme: Die Herausforderungen sind groß in diesen Tagen. Auch Schulen müssen auf diese Anforderungen reagieren, wenn sie ihrem Bildungsauftrag gerecht werden wollen. Dazu sollten sie sich möglichst im Gleichschritt mit der Gesellschaft wandeln. Eine derart dynamische Schulentwicklung ist im bestehenden System aber unmöglich.

Politiker betonen derzeit häufig, dass die große Zahl der Flüchtlinge die größte Herausforderung seit der deutschen Einheit bedeutet. Groß ist die Herausforderung sicherlich nicht nur für die Politiker, sondern auch für die Schulen. Schließlich haben auch die Flüchtlingskinder das Recht eine Schule zu besuchen. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rechnet mit 300.000 neuen Schülerinnen und Schülern allein in den kommenden zwölf Monaten.

Doch nicht allein die Zahl der Kinder bedeutet eine Herausforderung. Die Flüchtlinge stellen Pädagoginnen und Pädagogen noch vor ganz andere, neue Herausforderungen: Wie geht man mit Mädchen und Jungen um, die von den Schrecken der Kriege in der Heimat oder der Mühsal der Flucht traumatisiert wurden? Wie berücksichtigt man die oft sehr unterschiedlichen Bildungsbiografien der Kinder? Wie organisiert man innerhalb kürzester Zeit Deutsch-Unterricht an Schulen, an denen „Deutsch als Fremdsprache“ bislang – wenn überhaupt – ein Nischendasein führt?

Mit viel Einsatzbereitschaft und Improvisationskunst arbeiten derzeit Pädagogen in der ganzen Republik daran, kurzfristige Lösungen zu finden. Während einige Schulen schon Erfahrungen im Umgang mit Flüchtlingskindern haben, beginnen andere bei Null. Mittelfristig müssen wahrscheinlich alle Schulen in Deutschland tragfähige Antworten auf die oben beschriebenen und viele weitere Fragen finden, die sich noch ergeben werden.

Gesellschaftlicher Wandel erfordert Schulentwicklung

Die sogenannte Flüchtlingsproblematik ist nur eine weitere gesellschaftliche Herausforderung, auf die die Bildungseinrichtungen reagieren müssen. Schließlich sollen sie die Schülerinnen und Schüler (SuS) auf ein Leben in einer Welt vorbereiten, die sich immer schneller zu drehen scheint und zunehmend komplexer wird. Um mit dem Wandel Schritt zu halten, müssen Schulen ständig neue Konzepte entwickeln.

Schon jetzt lernen SuS nicht nicht mehr nur Deutsch, Mathe, Erdkunde und Physik. Längst werden an die Lehrerinnen und Lehrer (LuL) viel weiter reichende Ansprüche heran getragen: Die Schulung sozialer Kompetenzen wie Teamfähigkeit gehören genauso dazu wie der verantwortungsbewusste Umgang mit dem Smartphone.

Auf dem Bildungsportal NRW beschreibt das Kultusministerium zahlreiche Aufgaben, die Schulen heute zusätzlich zum Unterricht meistern müssen. Da wären zum Beispiel:

Diese und viele weitere Bildungs-Aufgaben müssen Schulen in NRW zusätzlich zum regulären Unterricht erfüllen. Wie sie die Bildungsziele genau erreichen sollen, gibt das Ministerium in der Regel nicht vor: Während die Lehrpläne in NRW recht klar vorgeben, was Schüler in Chemie oder Musik lernen sollen, sind die Vorgaben auf den oben genannten Feldern eher schwammig.

Große Freiheit bedeutet große Verantwortung – und viel Arbeit

Man kann diesen Mangel an konkreten Vorgaben und Konzepten als Beitrag zur Autonomie der Schulen interpretieren. LuL sind relativ frei bei der Förderung von Bildungszielen und können auf die individuellen Anforderungen und Bedürfnisse ihrer Schüler eingehen.

Umgekehrt bedeutet das aber auch: Wenn Schulen die Aufträge ernst nehmen, müssen sie  auf eigene Faust Konzepte zur Weiterentwicklung ihrer Schule und der konkreten Umsetzung der Anforderungen erarbeiten – von der Inklusion von Flüchtlingskindern bis zur Suchtprävention. Die Allgemeine Dienstordnung verpflichtet alle LuL sich dabei zu beteiligen: „Die Lehrerinnen und Lehrer wirken an der Gestaltung des Schullebens, an der Organisation der Schule und an der Fortentwicklung der Qualität schulischer Arbeit aktiv mit“ (Quelle: Allgemeine Dienstordnung, Paragraph 10 Absatz 4). Jeder Lehrer ist also gefordert, seine Schule voran zu bringen.

Mehr Aufgaben mit dem gleichen Personal

Diese Schulentwicklung müssen LuL allerdings zusätzlich zum normalen Unterricht leisten. Zusätzliche Stellen oder Entlastung von den normalen Verpflichtungen gibt es für die meisten Aufgaben nicht. Es ist klar, dass daraus eine Überforderung der Schulen folgen muss: Es ist schlichtweg unmöglich bei gleichbleibenden Personal- und Zeit-Ressourcen zusätzliche Bildungs-Aufgaben zu übernehmen, ohne dass die Qualität auf anderen Gebieten leidet. Auf welchen Feldern Schulentwicklung stattfindet, hängt deshalb davon ab, ob die Schulleitung bestimmte Ziele besonders fördert oder sich engagierte Kollegen finden, die bereit sind, die zusätzlichen Belastungen auf sich zu nehmen.

Dabei genügt es nicht, wenn sich einige Kollegen bei Kaffee und Kuchen zur Ideensammlung treffen. Schulentwicklung ist eine komplexe Aufgabe, die hohe Anforderungen an das gesamte Kollegium stellt:

Konzepte braucht Expertise:  Viele der neuen Anforderungen gehen weit darüber hinaus, was LuL in ihrer teilweise Jahrzehnte zurück liegenden Ausbildung gelernt haben. Schulen brauchen daher Expertise aus anderen Wissensbereichen. Die Einbindung von externen Experten ist aber sehr schwierig. Schulen verfügen in der Regel nicht über ein nennenswertes Budget, um Fachleute honorieren zu können. Und Schulleiter können auch nicht ihre Personalplanung selber gestalten und etwa statt eines Lehrers einen Medienpädagogen einzustellen, der sich um die Medienbildung an der Schule kümmert.

Veränderungen erfordern Personalentwicklung: Gerade weil LuL die Schulentwicklung selber in die Hand nehmen müssen, ist die Fortbildung der Pädagogen von entscheidender Bedeutung. Egal ob es um Deutsch-Unterricht für Flüchtlinge geht oder die Inklusion von Kindern mit besonderem Förderbedarf – die neuen Anforderungen waren oft noch kein Teil der Ausbildung der LuL. Schulen, die den veränderten Anforderungen begegnen wollen, müssen ihr Personal also systematisch weiter entwickeln. Den Bedarf zu klären und den Prozess entsprechend zu steuern, erfordert aber wiederum großen Einsatz, der nebenbei erledigt werden muss.

Bildungsziele erreicht man nur durch koordiniertes Vorgehen: Um die oben genannten fächerübegreifenden Bildungsziele zu erreichen, ist eine Koordination der verschiedenen Unterrichtsaktivitäten wichtig: Es ist wenig sinnvoll wenn SuS in verschiedenen Fächern gleiche Inhalte durchnehmen. Zudem können SuS ein komplexeres Verständnis der Inhalte entwickeln, wenn die verschiedenen fachlichen Perspektiven verzahnt werden. Die Zusammenarbeit erfordert die Etablierung von belastbaren Strukturen zur Kommunikation und Entscheidungsfindung innerhalb der Kollegien. Das ist umso wichtiger, da das Schulsystem Kooperation zwischen LuL eher erschwert als erleichtert.

Auch Hilfe von außen kostet Einsatz: Trotz der Koordination des Unterrichtes zeigt sich oft: Es bleiben Bildungs-Leerstellen, die es zu identifizieren gilt. Hier helfen nur ergänzende oder außerunterrichtliche Angebote für die SuS. Häufig kann man zum Beispiel mit externen Partnern zusammenarbeiten, die Schulen unterstützen. Natürlich können Schulen auch auf Erfahrungen anderer Schulen zurückgreifen. Dieser Wissenstransfer bedeutet jedoch ebenfalls eine zusätzliche zeitliche Belastung: Schließlich müssen die zur Verfügung stehenden Materialien und Konzepte auf die Eignung an der Schule geprüft und angepasst werden.

Veränderungen müssen gesteuert werden: Schulentwicklung erfordert in der Regel Veränderung von bestehenden Strukturen. Damit Reformen den gewünschten Erfolg bringen, müssen die Prozesse intelligent geplant und gesteuert werden. Dabei ist es unerlässlich, möglichst alle Mitarbeiter ins Boot zu holen. Das beste Konzept bringt nichts, wenn man die LuL, die es realisieren sollen, nicht davon überzeugen kann. Ein Blick in die Privatwirtschaft zeigt, wie schwierig diese Aufgabe ist: Zahllose Unternehmensberater haben sich auf das sogenannte Veränderungsmanagement spezialisiert und unterstützen Manager bei der Entwicklung ihrer Unternehmen.

Wenn es läuft, läuft es nicht von alleine: Sind gute Ideen einmal entwickelt, ist die Arbeit nicht getan. Es bedeutet oft genauso viel Arbeit, die Konzepte in der Praxis umzusetzen. Denn natürlich funktioniert nicht alles reibungslos: Kollegen müssen eingewiesen werden. Der Erfolg der Konzepte muss evaluiert und überarbeitet werden. Und was häufig vergessen wird: Jedes neue Konzept bindet in der Regel einen Teil der LuL dauerhaft ein – auch dann noch, wenn schon wieder die nächste Herausforderung wartet.

Fazit: Die Schulentwicklung hinkt zwangsläufig hinterher

Schulen sind von diesen Anforderungen an gute Schulentwicklung zwangsläufig überfordert. Solange Bildungspolitiker nur neue Bildungsaufgaben formulieren, für diese aber nicht gleichzeitig in angemessenen Umfang personelle und finanzielle Ressourcen zur Verfügung stellen, wird sich daran nichts ändern. Solange werden Schulen dem gesellschaftlichen Wandel bestenfalls hinterher hinken und irgendwann den Anschluss vollends verlieren.

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