Schülervertretung

Partizipation: Was braucht eine erfolgreiche Schülervertretung?

Funktionierende Schüler*innenvertretungen können ein Motor für die Schulentwicklung sein. Um die Partizipation nachhaltig zu stärken, müssen allerdings auch die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Was können Schüler*innen, Lehrkräfte und Schulleitungen tun, um die SV zu stärken?

Es gibt kaum jemanden, der Partizipation von Schüler*innen nicht wichtig findet: Bildungspolitiker oder Schulleiter betonen gerne die Bedeutung der Schüler*innenvertretungen (SV). Gleichzeitig fristet die SV an vielen Schulen ein Schattendasein. In einem vergangenen Blogbeitrag habe ich beschrieben, welche Vorteile eine Stärkung der Schüler-Partizipation hat und wieso sie zu einem echten Motor für die Schulentwicklung werden kann. Im folgenden Artikel sollen einige Ideen gesammelt werden, durch welche konkreten Maßnahmen sich die Schülervertretung an Schulen stärken lässt.

Sinnvoll sortierte Gremienstruktur – unter Einbettung in die schulischen Gremien

Für die Schüler*innenvertretungen geben Richtlinien oder Gesetze klare Rahmenbedingungen vor. In NRW findet man die zentralen Bestimmungen im sogenannten SV-Erlass. Unabhängig vom Bundesland sollten vor allem die Schülersprecher*innen die Regeln gut kennen – denn sie beschreiben die Rechte der SV. Die sind oft deutlich größer, als viele Schüler*innen glauben.

Die Richtlinien geben aber auch einige Grundlagen für die Organisation vor. In NRW ist zum Beispiel das zentrale Organ der Schülervertretung der sogenannte Schülerrat. Es handelt sich dabei um die Versammlung aller Klassen- und Kurssprecher. Diese wählt zum Beispiel die Schülersprecher*innen oder die Mitglieder der Schulkonferenz, die hier gleichberechtigt mit Eltern und Lehrkräften über die wichtigsten Angelegenheiten der Schüler*innen entscheiden.

Zusätzlich zu den durch die Richtlinien vorgegebenen Gremien sollten die Schüler*innen sich gut überlegen, welche weiteren Organisationsformen in ihrer Schule passend sind. So können zum Beispiel eigene Parlamente für einzelnen Stufen sinnvoll sein. Wichtig ist auch zu klären, in welchen anderen Gremien Schüler-Vertreter*innen vertreten sein sollten, um bei wichtigen Entscheidungen mitzureden: Gibt es zum Beispiel eine Steuergruppe? Oder einen Förderverein?

Sinnvoll ist in jedem Fall die Bildung eines „SV-Teams“: Hier können sich Schüler*innen zusammen tun, die zwar kein Amt anstreben und nicht im Rampenlicht stehen wollen, sich aber für die Schülerschaft engagieren wollen – zum Beispiel durch die Organisation von Arbeitstreffen oder Veranstaltungen kümmert.

Sämtliche schulinternen Regelungen zu Gremien und Verfahren sollten in einer öffentlichen SV-Satzung festgehalten werden. Dieses Papier sollte dabei in einem partizipativem und transparentem „Gesetzgebungsprozess“ entstehen, bei dem sich möglichst alle Schüler*innen einbringen können. Die Satzung kann dann immer wieder diskutiert und angepasst werden.

Klassenräte als Möglichkeit zur Einbindung aller Schüler*innen

Was in keiner Schule fehlen sollte, sind Klassenräte. Hier können Schüler*innen nicht nur über Klassenangelegenheiten entscheiden, sondern auch Probleme innerhalb der Klasse oder mit einer Lehrkraft anzusprechen und gemeinschaftlich lösen. In Klassenräten können zudem gemeinsam Projekte entwickelt werden, die die Klassengemeinschaft voran bringen.

Klassenräte bieten aber auch die Möglichkeit, alle Schüler*innen in Entscheidungsprozesse einzubinden. Dafür muss es Verfahren geben, durch die Themen vom Schülerrat in die Klassen getragen werden. Ein idealtypischer Ablauf kann zum Beispiel so aussehen: Die Schulleitung stellt eine anstehende wichtige Frage im Schülerrat vor – der Versammlung aller Klassensprecher*innen. Die Klassensprecher*innen tragen die Informationen in die Klassenräte. Die Klassen diskutieren die Frage und stimmen ggf. ab. Die Klassensprecher*innen tragen das Stimmungsbild wiederum zurück in den Schülerrat, dessen Vertreter dann wiederum die Schülerposition in der Schulkonferenz repräsentieren können. Die Mitglieder der Schulkonferenz informieren dann die Schülerschaft über den Verlauf der Sitzung. Die Klassensprecher tragen dieses Ergebnis wiederum in die Klassenräte.

Die Bedeutung der Einbindung aller Schüler*innen durch die Klassenräte kann nicht hoch genug für den Erfolg der SV bewertet werden: Nur so erfahren und erleben alle Schüler*innen, dass sie sich aktiv einbringen können: Das macht die SV erst richtig bekannt und ermutigt ggf. mehr Schüler*innen selber aktiv zu werden.

Aufwertung der Klassensprecher

Den Klassensprercher*innen kommt in den oben beschriebenen Strukturen eine wichtige Rolle zu. Sie vertreten ihre Klasse im Schülerrat und sie bilden das Bindeglied, das zum einen Informationen aus dem Schülerrat in die Klassen und umgekehrt wieder Rückmeldungen zurück in den Schülerrat trägt. Diese anspruchsvollen Aufgaben setzen Schüler*innen voraus, die das Amt verantwortungsvoll übernehmen und den Herausforderungen gewachsen sind.

Allerdings ist es immer wieder der Fall, dass die Wahl von Klassensprecher*innen nicht aufgrund der Eignung für das Amt, sondern eher aufgrund der Beliebtheit erfolgt. Umso wichtiger ist es, die Schüler*innen vor der Wahl über die Bedeutung des Amtes und die Anforderungen zu informieren. Eine Möglichkeit dafür ist das sogenannte Krefelder Modell: Dabei wird die Wahl der Klassensprecher*innen von Vertreter*innen der SV nach einem vorgegebenen Verfahren durchgeführt, das Beliebtheits-Wahlen verhindern soll. Die so gewählten Klassensprecher*innen können dann ggf. auch nochmal durch kleine Lehrgänge in ihren Aufgaben geschult werden.

Regelmäßige Treffen und Pflege der sozialen Kontakte

Damit die Schülervertretung auf Dauer ein wichtiger Bestandteil des Schullebens wird, braucht es regelmäßige Treffen und Möglichkeiten zum Austausch. Das gilt auf allen Ebenen: So sollte es regelmäßig Treffen des Klassen- und Schülerrates geben. Lehrkräfte und Schulleitungen müssen solche Sitzungen während der Unterrichtszeit ermöglichen – in NRW beispielsweise mindestens einmal im Monat.

Aber auch das SV-Team sollte regelmäßige Zeitfenster haben. Dabei ist es von Bedeutung, dass hier auch Raum ist, um Kontakte und Gemeinschaft zu pflegen: Nur wenn sich die Klasse, der Schülerrat oder die SV als Team versteht, werden sie erfolgreich sein. Eine Möglichkeit zur Stärkung der Gemeinschaft ist dabei zum Beispiel die regelmäßige Durchführung einer mehrtägigen SV-Fahrt. Diese kann sowohl zu einem jahrgangsübergreifenden Wir-Gefühl beitragen als auch Freiräume schaffen, an Projekten zu arbeiten.

Möglichst konkrete Projekte

Denn für die Motivation von Schüler*innen sind möglichst konkrete Projekte von besonderer Bedeutung. Sie erleben die Arbeit in der Schülervertretung nur dann als sinnstiftend, wenn sie auch konkrete Erfolge erzielen. Dafür ist es wichtig, sich möglichst spezifische und konkrete Ziele zu setzen. Hierbei kann wiederum die Einbindung des Schülerrates von Bedeutung sein: Hier können Probleme benannt, Wünsche formuliert oder Ziele diskutiert werden. Auf dieser Basis können dann konkrete Projekte formuliert und geplant werden.

Dabei ist es von Vorteil, wenn den Schüler*innen Hilfestellungen und Methoden an die Hand gegeben werden: Mit Hilfe einer Zukunftswerkstatt können erste Ideen für Projekte entwickelt werden. So hilft die SMART-Faustformel den Schüler*innen zum Beispiel sinnvolle und realisitische Ziele zu setzen. Die ZWUP-Methode ist hilfreich, um vom Wunsch zum Plan zu kommen.

Öffentlichkeitsarbeit mit Hilfe von sozialen Medien

Erfolgreiche Projekte können auch weitere Schüler*innen für die SV begeistern. Eine Möglichlichkeit eine größere Reichweite für das Wirken der Schülervertretung zu erzielen, sind soziale Medien. Insbesondere auf den für Schüler*innen relevanten Kanälen wie Instagram, Snapchat oder Tiktok sollten die Schülervertreter*innen über ihre Arbeit informieren. So ist es auch einfach möglich, die nicht in der SV aktiven Schüler*innen bei bestimmten Themen zu ihrer Meinung zu fragen oder Ideen zu sammeln.

Eine andere Option für die digitale Einbindung der gesamten Schülerschaft ist die Software Aula. Dabei handelt es sich um eine Web-Anwendung, die speziell auf die digitale Beteiligung von Schüler*innen ausgelegt ist. Schüler*innen können hier eigene Ideen einbringen, darüber diskutieren und Abstimmungen durchführen.

Eigener Raum

Eine wichtige Voraussetzung um die Schülervertretung für Schüler*innen nahbarer zu machen, ist es einen eigenen SV-Raum einzurichten. Dieser sollte sowohl den SV-Schüler*innen eine Heimat bieten, um zusammen zu kommen. Gleichzeitig kann er aber auch eine Anlaufstelle für andere Schüler*innen werden, die sich hier zum Beispiel mit Prolemen direkt an die SV-Mitglieder wenden können. Gibt es ein digitales Lernmanagementsystem wie Moodle, sollte auch hier ein virtueller Raum für die SV eingerichtet werden.

Egal ob real oder virtuelle – wichtig ist, dass die Verwaltung des Raumes so weit wie möglich den Schüler*innen übergeben wird. Nur wenn sie hier über Freiheiten bei der Gestaltung und Nutzung des Raumes verfügen, werden sie sich auch verantwortlich für den Erhalt und Pflege fühlen.

Nachwuchsförderung

Genau wie die politischen Parteien braucht auch die Schülervertretung regelmäßig Nachwuchs. Die Akquise von engagierten Mitarbeiter*innen sollte nicht dem Zufall überlassen werden. Es ist sinnvoll, hier schon bei den unteren Klassen zu beginnen. Dies gelingt am besten, indem spezielle Angebote für jüngere Schüler*innen geschaffen werden – zum Beispiel eine Junior-SV. Das ist auch deshalb sinnvoll, weil die Anliegen jüngerer Schüler*innen in den oft von den älteren dominierten Sitzungen eines Schülerrats nicht selten untergehen.

SV-freundliche Schulleitungen

Damit die Schülervertretungen ihre Ziele erreichen, ist es wichtig, dass sie von den Schulleitungen unterstützt werden. Dies kann zunächst einmal bedeuten, den Schüler*innen bei ihren Projekten keine Steine in den Weg zu legen. Wenn die Schulleitung die SV wirklich partizipativ einbinden will, muss sie die Schüler*innen aber auch regelmäßig über aktuelle Entwicklungen und anstehende Entscheidungen informieren und sie in die Prozesse einbinden.

Wenn es eine Schulleitung wirklich an Partizipation gelegen ist, sollte dieser Kontakt Chefsache sein: So könnte es zum Beispiel in festgelegten Abständen Treffen zwischen Schulleitung und Schülersprecher*innen geben. Zudem sollte die Schulleitung auch regelmäßig im Schülerrat zu Gast sein – auch um die Arbeit der SV zu wertschätzen.

Kommunalpolitisches Engagement und regionale Vernetzung

Wenn Schüler*innen größere Veränderungen erreichen wollen, brauchen sie nicht nur Unterstützung von der Schulleitung, sondern auch vom Schulträger. Das gilt zum Beispiel für bauliche Veränderungen, bei denen größere Kosten anfallen. Es ist daher wichtig, dass die Schüler*innen wissen, wen sie in der Kommune ansprechen können. Im besten Fall organisiert die Gemeinde die Jugendbeteiligung selbst. Auch hier können digitale Tools helfen. Unterstützung bietet hier die Plattform jugend.beteiligen.jetzt.

Leider ist nicht jede Stadt offen für die Anliegen von Kindern und Jugendlichen. Daher sollten Schülervertretungen auch fit darin gemacht werden, politisch auf kommunale Ebene aktiv zu werden: Dazu brauchen sie Wissen darüber, welche Ausschüsse und Ratssitzungen für sie interessant sind und wie sie sich hier Gehör verschaffen können.

Um die Wirkung der Initiativen der Schülerinnen zu erweitern, ist es sinnvoll, dass sich die Schülervertretungen innerhalb einer Kommune miteinander vernetzen – zum Beispiel in einer Stadtschülerrat oder einer Bezirksschüler*innenvertretung, wie es in NRW heißt. Diese Zusammenarbeit hilft nicht zuletzt auch dabei, Know-How auszutauschen. Das gleiche gilt auch für eine Engagement auf Landesebene in den Landesschüler-Vertretungen – in NRW ist das die LSV NRW.

Gut ausgebildete Verbindungslehrer

Klar ist, dass nicht alle Schulträger und Schulleitungen die Schülervertretungen unterstützen und ernst nehmen. Umso wichtiger ist es daher, dass es Verbindungs- oder SV-Lehrer*innen gibt, die die Schüler*innen bei der Wahrnehmung ihrer Rechte unterstützen. Gerade am Anfang brauchen Schüler*innen auch Hilfe dabei, belastbare Strukturen aufzubauen.

Grundlage für die Arbeit der Verbindungslehrer*innen ist das nötige Know-How über die rechtlichen Rahmenbedingungen. Beim Einstieg sollten „SV-Anfänger“ daher in jedem Fall eine Fortbildung besuchen, in denen sie in die rechtlichen Grundlagen eingeführt werden. Solche Lehrgänge werden sowohl von den zuständigen Behörden als auch von freien Trägern angeboten.

Einige Angebote können Verbbindungslehrer*innen zusammen mit neuen Schülersprecher*innen besuchen. Ist das nicht möglich sollten die Verbindungslehrer*innen frisch gewählte Schülersprecher*innen zu Beginn des Schuljahres in die wichtigsten Grundlagen einführen. Je erfahrener die Schüler*innenvertretung ist, desto selbständig können die Gremien in der Regel arbeiten, weil das Wissen dann von Generation zu Generation weitergegeben wird. Verbindungslehrer*innen können sich dann mehr zurück nehmen.

In NRW erhalten die Verbindungslehrkräfte an einer Schule mit über 1000 Schüler*innen insgesamt drei Entlastungsstunden und werden von Pausenaufsichten freigestellt. Das ist im Vergleich zu anderen Tätigkeiten eine vergleichsweise anständige Kompensation. Wichtig ist aber auch, dass die Lehrkräfte dementsprechenden Einsatz zeigen. Schulleitungen, denen es ernst mit der Partizipation ist, sollten daher auch mit SV-Verbindungslehrer*innen klare Zielvereinbarungen treffen.

Bild: Clker-Free-Vector-Images ; Lizenz: Pixabay

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