Zukunftsvision

Was Schulpolitiker von Andreas Scheuer lernen können

Reformen in der Schulpolitik doktern in der Regel am Status Quo herum. Zielführender wäre es, eine positive und optimistische Vision davon zu entwickeln, wie die Schulen der Zukunft aussehen sollen. Ausgerechnet die Deutsche Bahn und das Verkehrsministerium unter Andreas Scheuer machen vor, wie sich aus einer Zukunftsvision konkrete Handlungen ableiten lassen.

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Das Zitat dient oft dazu, Menschen mit vermeintlich zu idealistischen, unrealistischen Vorstellungen in die Schranken zu weisen und für mehr Pragmatismus zu werben.

Nicht selten geht es so Menschen im Schulsystem, die von einer anderen Schule träumen. Ihre Ideen werden dann schnell als unrealistisch abgetan. Vielleicht auch deshalb wagen sich Politiker beim Schulsystem selten mit innovativen Konzepten vor: Reformen spielen sich immer nur im bestehenden Paradigma von Standardisierung, Prüfungen und Noten ab. Ein veraltetes Bild von Schule verhindert wichtige Reformen.

Es ist aus meiner Sicht aber ein grundsätzlicher Denkfehler, Visionen und Pragmatismus gegeneinander auszuspielen: Denn Visionen können dabei helfen, den ganz konkreten Wandel pragmatisch zu organisieren.

Die Vision eines Deutschlandtakts gibt der Bahn die Richtung vor

Einen Eindruck wie das funktionieren kann, liefert ausgerechnet die Deutsche Bahn. Das Unternehmen und das Verkehrsministerium unter dem Minister Andreas Scheuer haben nicht unbedingt den Ruf, besonders innovativ zu sein. Und doch präsentierten sie im vergangenen Jahr eine Vision, die vielversprechend erscheint – den Deutschlandtakt:

Der Deutschlandtakt ist ein abgestimmter Fahrplan für ganz Deutschland, mit dem Bahnreisende einfacher, bequemer und schneller ans Ziel gelangen – dank vertakteter, verlässlicher Verbindungen im Nah-, Fern- und Güterverkehr. Dafür werden Deutschlands größte Städte durch regelmäßige Personenfernverkehrszüge verbunden, und zwar alle 30 Minuten zur selben Zeit. Der Regionalverkehr wird auf die halbstündliche Taktung in den Knotenbahnhöfen ausgerichtet.“

An diesem Ziel eines für die Fahrgäste möglichst komfortablen Fahrplans werden alle Ausbaumaßnahmen ausgerichtet. Es gilt die Losung: „Erst der Fahrplan, dann die Infrastruktur.“

Von dieser Vision ist die Deutsche Bahn noch sehr weit entfernt: Um sie zu realisieren, muss ein massiver Ausbau der Gleisinfrastruktur erfolgen. Es wird also eine Weile dauern, bis wirklich alle Züge in abgestimmter hoher Taktung fahren. Aber der Ausbau orientiert sich künftig daran, das Ziel des Deutschlandtakts zu erreichen: Im Mittelpunkt steht also nicht die Behebung von Mängeln, sondern die Realisierung einer positiven Vision vom Bahnverkehr der Zukunft.

Schulreformen bleiben Stückwerk, weil eine Vision fehlt

Genau eine solche positive Vision fehlt in der Schulpolitik. Zwar ist politisch unstrittig, dass Bildung und Schule wichtig sind. Weil aber eine Vorstellung davon fehlt, was eine gute Schule sein könnte, wird nur am Status Quo herum gedoktert. Um in der Analogie der Bahn zu sein: Es wird mal hier neues Gleis verlegt oder eine Weiche umgestellt. Es fehlt aber das übergeordnete Ziel. Reformen und Investitionen bleiben daher oft Stückwerk.

Das hat Folgen: Weil viele der Reformen in den vergangenen Jahren keiner Leitlinie zu folgen schienen, war die Akzeptanz etwa in der Lehrer*innenschaft gering. Menschen brauchen eine positive Zukunftsperspektive, wenn sie Veränderungsprozesse mitgestalten sollen. Grundlage für Veränderungen im Schulsystem sollten deshalb attraktive Ideen für eine Schule der Zukunft sein.

Hier muss man nicht bei Null anfangen. Es gibt viele Quellen aus denen sich Visionen für eine gute Schule speisen können: Die empirische Bildungsforschung liefert fundierte Ergebnisse darüber, unter welchen Bedingungen Kinder gut und gerne lernen. Die Erfahrungen der Reformpädagogik und die klassischen Denker der Bildungsphilosophie bieten reichhaltige Grundlagen, die auch im 21. Jahrhundert tragfähig bleiben. Und viele Schulen haben trotz der Einschränkungen durch Ressourcen-Knappheit und die zahllosen Vorschriften gleichermaßen innovative und praktikable Lösungen aufgezeigt. Zu besichtigen ist das etwa in den Porträts der Preisträger beim Deutschen Schulpreis.

Politiker schmücken sich gerne mit den Schulpreis-Schulen. Wünschenswert wäre, dass sie mehr dafür tun, dass andere Schulen den Vorbildern nacheifern können. In den Wahlkämpfen sollte Politiker weniger darüber diskutieren, wie viele Lehrer*innen eingestellt werden und mehr darüber, wie die Schule der Zukunft aussehen soll. Die nötigen Maßnahmen ergeben sich dann aus den Anforderungen der Umsetzung dieser Vision – von der Gestaltung der Schulgebäude über die Personalpolitik bis hin zur Überarbeitung von Verordnungen und Gesetzen.

„Stubborn optimism“ als notwendige Haltung

Getragen werden muss ein solcher Wandel von einer hartnäckigen optimistischen Haltung, die sich an einer positiven Zukunftsperspektive orientiert statt an den Problemen der Gegenwart oder den Zumutungen der Veränderung. Christiana Figueres, die maßgeblich für das Zustandekommen des Pariser Klimaabkommen verantwortlich war, nennt dieses Mindset „stubborn optimism“: Sie versteht darunter eine Haltung, die auch gegen Widerstände den Glauben nicht aufgibt, durch eigenes Handeln einen Wandel zum besseren ermöglichen zu können.

In diesem Sinne kann jeder einen Beitrag leisten – nicht nur im Kampf gegen die Klimakrise, sondern auch für den Wandel im Schulsystem. Ein erster Schritt ist es, wenn wir alle mehr miteinander darüber reden, wie wir gemeinsam in der Schule lernen und arbeiten wollen – in den Schulen, in den (sozialen) Medien und in den politischen Debatten.

Bild: Gerd Altmann; Lizenz: Pixabay

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