Schulleiter

Wieso ich kein Schulleiter werden will

In Deutschland fehlen vielerorts nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Schulleiter und Schulleiterinnen. Solange sich die Arbeitsbedingungen nicht verbessern, gibt es sehr viele gute Gründe, warum Lehrer*innen nicht in der Schulleitung Verantwortung übernehmen wollen.

Die Bedeutung der Schulleiter*innen für die Qualität im deutschen Schulsystem kann kaum überschätzt werden: Sie können zu einem Klima beitragen, in dem Lehrer*innen und Schüler*innen sich mit ihren Bedürfnissen und Problemen gut aufgehoben fühlen. Sie können der pädagogischen Arbeit und der Schulentwicklung eine Richtung geben und für Qualitätssicherung sorgen. Sie können Freiheitsräume eröffnen, so dass die Menschen ihre Schule als Ort empfinden, den sie als Gemeinschaft gemeinsam kreativ mitgestalten können. Und sie können für organisatorische Rahmenbedingungen sorgen, die es den Mitarbeiter*innen erleichtern, ihre Arbeit möglichst gut zu machen.

Insofern sollte man meinen, dass es von großem Interesse ist, sicher zu stellen, dass die Rolle der Schulleitung von möglichst qualifizierten Personen ausgeführt wird. Tatsächlich sind viele Schulleitungen derzeit aber gar nicht besetzt: In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel hatten Ende 2021 zehn Prozent der Schulen keine Leitung. In Sachsen-Anhalt waren im Juni 2021 rund 80 Posten unbesetzt – als an jeder zehnten Schule. Niedersachsen meldete Anfang 2021 156 unbesetzte Stellen. Das Problem betrifft alle Bundesländer: Als die Deutsche Presseagentur Ende 2019 eine Umfrage in allen Bundesländern durchführt, addierte sich die Zahl der offenen Stellen auf über 1000.

Dass so viele Stellen unbesetzt bleiben, hat viele Gründe. In diesem Artikel möchte ich einige davon vorstellen. Ich möchte am Ende des Artikels aber auch einige mögliche Lösungen aufzeigen, wie die Lücken geschlossen werden können.

Ein kurzer Disclaimer: Ich schreibe hier aus meiner persönlichen Perspektive. Ich bin seit mehr als zehn Jahren als Lehrer an einem Gymnasium in NRW tätig. Dort habe ich auch anderthalb Jahre als kommissarischer stellvertretender Schulleiter Einblicke in die Leitung einer Schule erhalten – ohne selbst diese Aufgabe hauptverantwortlich zu übernehmen. Dabei habe ich auch viele positive Eindrücke gesammelt – es gibt durchaus auch viele gute Gründe für die Tätigkeit als Schulleiter*in – vielleicht schreibe ich darüber nochmal zu einem anderen Zeitpunkt einen Artikel. In diesem Text beschränke ich mich darauf zu erläutern, inwiefern systematische Mängel im Schulsystem die Arbeit eher unattraktiv machen – nicht nur für mich, sondern auch für andere Interessent*innen.

Überforderung durch Aufgabenflut

Die Aufgaben von Schulleiter*innen sind zahllos: Sie reichen von disziplinarischen Maßnahmen über Öffentlichkeitsarbeit und Haushaltsplanung bis zum Unfall- und Strahlenschutz. Einen ersten Eindruck verschaffen zum Beispiel die Paragraphen zur Schulleitung in der Dienstordnung oder im Schulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen.

Dazu kommen aber noch viele Aufgaben, die sich in den zahllosen Erlassen und Anweisungen verstecken, die die Schulen regelmäßig von den Kultusminister*innen oder Schulaufsichtsbehörden zum Beispiel per Schulmail erreichen. Einige der Aufgaben können Schulleitungen delegieren – die Verantwortung bleibt aber in der Regel bei ihnen. In den vergangen Jahren galt zudem eigentlich immer: Mit den neuen Aufgaben für die Schulen kamen so gut wie nie neue Ressourcen.

Klar ist: Allen Aufgaben können die Schulleitungen unter den jetzigen Bedingungen nicht gerecht werden. Sie müssen daher immer Prioritäten setzen und in einzelnen Bereichen Abstriche bei der Qualität ihrer Arbeit machen. Es braucht ein dickes Fell, diese Defizite auszublenden. Perfektionisten müssen als Schulleiter*in wahnsinnig werden.

Zu wenig Zeit für zu viele Menschen

Schuleiter*innen prägen das pädagogischde und menschliche Klima an einer Schule sehr stark. Das tun sie vor allem durch ihr informelles Handeln: Wie sie mit Schüler*innen umgehen; wie sie auf Kritik reagieren; wie sie Lehrkräfte in Problemlagen unterstützen.

Es wäre daher wünschenswert, dass bei einer Schulleitung die Tür für Schüler*innen, Eltern und Lehrkräfte immer offen steht. Das ist aber eine große Herausforderung: An einem Gymnasium oder einer Gesamtschule hat die Schulleitung nicht selten die Verantwortung für über 100 Mitarbeiter*innen, über 1000 Schüler*innen und die dazugehörigen Eltern. Es braucht sehr viel Zeit, Kraft und Geduld, für so viele Menschen da zu sein – und nicht zuletzt auch die Fähigkeit damit umzugehen, nicht allen gleichermaßen gerecht werden zu können.

Teamwork in der Schulleitung ist kompliziert

Aufgrund der hohen Belastung ist die Leitung einer Schule eigentlich nur zu stemmen, wenn man die Aufgaben auf mehrere Schultern in einem Schulleitungs-Team verteilt. Ein Problem dabei ist, dass viele der oben genannten Aufgaben nicht delegiert werden dürfen. Schulleitungen haben zudem nur begrenzt die Möglichkeit, sich ihre eigene Führungs-Mannschaft zusammen zu stellen.

An weiterführenden Schulen werden Positionen in der erweiterten Schulleitung über Beförderungs-Stellen besetzt. Diese werden in einem Ausschreibungsverfahren durch die Schulaufsicht besetzt. Schulleitungen können hier keinen Einfluss nehmen. An Grundschulen ist so etwas wie ein Schulleitungs-Team gar nicht zu realisieren – hier fehlen schlichtweg die nötigen Stellen.

Ein weiteres Problem: Im Regelfall treten angehende Schulleiter*innen ihre Stelle an für sie neuen Schulen an, an denen zahlreiche leitende Stellen schon besetzt sind. Aufgrund des Beamtenrechts haben sie keinerlei Möglichkeiten hier noch Einfluss zu nehmen.

So kann es dazu kommen, dass in Schulleitungen über Jahre Menschen zusammen arbeiten müssen, die dafür keinerlei gemeinsame pädagogische oder persönliche Basis haben. Das führt im Extremfall dazu, dass Mitglieder einer Schulleitung gegeneinander arbeiten, statt sich zu unterstützen. Einen Ausweg gibt es hier aufgrund des Beamtenrechts nicht – Versetzungen sind auf Leitungsebene noch komplizierter als bei Lehrer*innen und selbst bei sehr schlechter Arbeit sind Zurückstufungen oder gar Entlassungen nahezu ausgeschlossen.

Keine Unterstützung durch Experten

Schulleitungen sollten eigentlich vor allem die pädagogischen Leitlinien gestalten: In der Realität verbringen sie einen Großteil der Arbeitszeit mit Verwaltung. Während größere Schulen dafür zumindest noch Bürokräfte einstellen können, fehlt in kleinen Schulen solche Unterstützung durch Sekretär*innen. Wie frustrierend das sein kann, hat Alexandra Wendler in einem Twitter-Thread aufgeschrieben.

Screenshot von einem Tweet
Link zum Original-Tweet

Auch in anderen Bereichen fehlt professionelle Unterstützung aus anderen Berufsgruppen – etwa bei der Öffentlichkeitsarbeit oder dem Projektmanagement. Politische Initiativen in dieser Hinsicht sind mir nicht bekannt.

Verwaltung des Mangels

Lehrer*innenmangel, bröckelnde Gebäude, fehlende digitale Infrastruktur: Schulleiter*innen müssen stets versuchen, die zahlreichen Mängel im Schulsystem möglichst gut zu verwalten. Es geht nie darum, auf der Basis von reichhaltigen Ressourcen möglichst gute Ergebnisse zu erzielen, sondern immer darum, auf der Basis von Knappheit den Betrieb irgendwie aufrecht zu erhalten.

Link zum Tweet

Das kann sehr frustrierend sein, weil dabei nicht selten zwischen den Bedürfnissen von verschiedenen Menschen abgewogen werden muss: Was Schüler*innen gut tun, ist nicht selten eine zusätzliche Belastung für Lehrkräfte. Und um Lehrer*innen zu entlasten, müssen oft die Angebote für Schüler*innen beschnitten werden.

Schulleitungen als Blitzableiter

Schulleiter*innen müssen die Vorgaben der Landesregierung ausführen. Gut durchdachte Leitlinien aus dem Ministerien könnten eine Hilfe sein. Es gibt aber leider zahllose Beispiele für Maßnahmen, die wenig durchdacht bei den Schulen ankommen: Schulleitungen müssen dann sehr viel Zeit damit verbringen, aus realitätsfernen Vorgaben praktikable Maßnahmen abzuleiten.

Weil Schulleitung Mängelverwaltung ist, ist es oft schwer zufriedenstellende Lösungen zu finden. Das führt nicht selten zu Unmut bei Schüler*innen, Eltern und Lehrkräften. Diese laden sie nicht selten bei der Schulleitung ab: Schulleiter*innen dienen dann sozusagen als Blitzableiter für einen Unmut, der letztlich durch die systematischen Mängel entsteht. Das ist auf Dauer natürlich zermürbend.

Dass Unmut sich oft an die Schulleitung richtet, liegt auch daran, dass für viele Außenstehende kaum ersichtlich ist, wie weit überhaupt die Autorität einer Schulleitung reicht. Natürlich ist es durch gute Kommunikation möglich aufzuzeigen, was die Entscheidungsspielräume sind und wo Vorgaben diese einschränken. Gerade weil vor allem bei Eltern und Schüler*innen sehr viel Hintergrundwissen fehlt, gestaltet es sich aber oft aber (zu) aufwendig, hier immer Transparenz herzustellen.

Schulleitung bedeutet Korsett statt Gestaltungsfreiheit

Viele Schulleitungen, die ich kennengelernt habe, wollen Schule zum positiven gestalten – für Schüler*innen und Lehrkräfte. Allerdings sind die Gestaltungsspielräume durch Gesetze und Erlasse sehr eingeschränkt – etwa bei Finanzbudget, Personal oder der pädagogischen Gestaltung.

Dies steht im Widerspruch zu dem Anspruch, dass Schulen auf die individuellen Bedürfnisse der Schüler*innen eingehen sollen. Weil diese sich je nach Schulstandort sehr stark unterscheiden können, bräuchten die Schulen mehr Freiheit, um auf darauf adäquat zu reagieren. Das gilt insbesondere auch für die Schulleitungen, die sich je nach Standort sehr unterschiedlichen Herausforderungen stellen müssen. Es kann sehr frustrierend sein, wenn Vorgaben hier pädagogisch sinnvolles Handeln verhindern.

Freiheit gibt es vor allem bei Entscheidungen, die die Schulpolitik nicht treffen will, weil sie Unmut bei den Eltern erwartet: Sollen Klassen trotz der Corona-Pandemie auf Klassenfahrt dürfen? Sollen Gymnasien künftig weiter nach acht oder nach neun Jahren Abitur machen? Soll es an Gymnasien weiter Inklusion geben? Mögliche Konflikte innerhalb der Schulgemeinschaft müssen dann die Schulleitungen moderieren.

Zudem nimmt die Freiheit in der Ausübung des Jobs mit dem Wechsel in die Schulleitung eher ab als zu: Während Lehrkräfte einen vergleichsweise großen pädagogischen und kreativen Spielraum bei der Gestaltung ihres Unterrichtes haben, sind die Vorgaben für die Schulleitung oft sehr klar umrissen. Schulleitung im aktuellen System-Korsett bedeutet daher ein dauerhaftes Ausloten von Freiräumen.

Dauerhaftes Veränderungsmanagement

Angesichts der Herausforderungen durch Megatrends wie Globalisierung, Klimawandel oder Digitalisierung ist unserer Gesellschaft einem ständigen Veränderungsdruck unterworfen. Auch Schulen müssen sich daher ständig wandeln – Schulleiter*innen könnten hier die Richtung vorgeben. Schulentwicklung ist aber eine hochkomplexe Aufgabe, da in der Regel die Dimensionen Personalentwicklung, Organisationsentwicklung und Unterrichtsentwicklung immer zusammen gedacht werden müssen.

Ein(e) Schulleiter*in kann dabei die klügste Visionen haben: Wenn er/sie die Schulgemeinschaft nicht davon überzeugen kann, werden sie nicht realisiert. Das liegt auch daran, dass Schulleitungen so gut wie keine zeitlichen und organisatorischen Spielräume für Qualitätsmanagement und die Kontrolle der Mitarbeiter*innen haben.

Wenn der Wandel gelingen soll, braucht es daher ein erfolgreiches Veränderungsmanagement, in das möglichst viele Mitglieder der Schulgemeinschaft eingebunden werden. Die organisatorischen Rahmenbedingungen sind aber mehr als schlecht. So können Schulen etwa in NRW pro Schuljahr nur einmal einen Schulentwicklungstag veranstalten, an dem alle Mitarbeiter*innen gezielt an einem Thema arbeiten können.

Dazu kommt, dass viele Schulen durch Unterbesetzung und die Aufgabenflut oft ohnehin schon am Limit sind. Lehrer*innen, die ohnehin ständig überfordert sind, empfinden Veränderungen oft als zusätzliche Last – selbst, wenn sie vielleicht langfristig eine Verbesserung bedeuten würden. Diese verbreitete Haltung erschwert es Schulleiter*innen Veränderungsprozesse erfolgreich zu gestalten.

Partizipation bedeutet mehr Aufwand für Schulleiter

Maßgebliche Entscheidungen müssen an Schulen in der Regel immer von den Gremien der Mitbestimmung mitgetragen werden. Das ist in NRW an erster Stelle die Schulkonferenz, die paritätisch aufgeteilt aus Schüler*innen, Eltern und Lehrkräften besteht. Die Schulleitung hat in diesem obersten Gremien kein Stimmrecht und kann daher nur durch gute Argumente überzeugen.

Eine solche Partizipation ist natürlich grundsätzlich zu begrüßen. Allerdings bedeutet sie auch einen sehr großen Mehraufwand. Es gibt daher durchaus Schulleitungen, die viele eigentlich mitbestimmungspflichtige Entscheidungen an den Gremien vorbei treffen. Auch hier gilt wieder: Wer seinen Job und damit auch die Partizipation ernst nimmt, bezahlt dafür mit großem Zeitaufwand.

Personalverantwortung ohne Personalentwicklung

Weiterführende Schulen sind gemessen an der Anzahl der Mitarbeiter*innen ein größeres mittelständisches Unternehmen. Während es aber in vielen Unternehmen eine hierarchisch gegliederte Struktur gibt, bei der die Personalverantwortung auf viele Schultern verteilt wird, liegt diese an Schulen allein bei der Schulleitung und ist auch nicht delegierbar.

Für eine Schulleitung ist es aber nahezu unmöglich allen Mitarbeiter*innen gerecht zu werden. Insbesondere an größeren Schulen ist es zeitlich nicht möglich, mit allen Mitarbeiter*innen regelmäßig Personalgespräche zu führen. Es gibt wenig Möglichkeiten gut Arbeit auf Schulebene zu entlohnen. Zudem können Schulleitungen auch nur sehr bedingt auf Lehrkräfte einwirken, die ihre Arbeit nicht gut machen. Personalentwicklung sind daher sehr enge Grenzen gesetzt. Mehr zu den Defiziten und Chancen bei der Personalentwicklung im Schulsystem gibt es in einem eigenen Blog-Artikel.

Leistung lohnt sich für Schulleiter nicht

Defizite bei der Personalentwicklung gibt es auch bei den Schulleitungen selber. Mit der Benennung zur Schulleiter*in und dem damit verbundenen Aufstieg in der Gehaltsstufe endet die Karriereleiter für die meisten Schulleiter*innen, die keinen Job in der Schulaufsicht anstreben. Entlohnung für besonders gute Arbeit als Schulleitung gibt es aber nicht. Voraussetzung dafür wäre, dass die Arbeit von Schulleitungen ernsthaft evaluiert würde – das ist meines Wissens aber so gut wie nicht der Fall.

Ist man erst einmal in der Schulleitung angekommen, ist die Leistung letztlich scheinbar irrelevant. Tatsächlich gibt es immer wieder Berichte von Schulleitungen, über die sich Beschwerden häufen – etwa weil sie sich in ihr Büro zurückziehen und die Arbeit andere erledigen lassen. Konsequenzen hat das in der Regel aber nicht. Man kann sich vorstellen, welche Auswirkung das auf die Motivation der gewissenhaften Schulleitungen hat.

Work-Life-Balance: Schulleitung oder Privatleben?

Schon für engagierte Lehrer*innen ist die Work-Life-Balance nicht immer leicht zu realisieren. Für Schulleitungen erscheint es nahezu unmöglich. Das liegt zum einen an der Vielzahl der Aufgaben. Das liegt aber auch daran, dass viele davon oft nicht aufschiebbar sind. Wenn beispielsweise in der Corona-Pandemie die Landesregierung am Freitag die Vorgaben verschickt, bleibt am Wochenende wenig Freizeit. Aber auch in vielen anderen Sondersituationen sind die Schulleitungen unmittelbar gefordert – etwa wenn sie Kenntnis von Kindeswohlgefährdung erhalten.

Für Schulleitungen ist es zudem vollkommen normal, in den ersten und letzten Wochen der Sommerferien zu arbeiten: Schließlich müssen sie oft das abgelaufene Schuljahr nachbereiten – und das kommende Schuljahr vorbereiten. Die Entscheidung für eine Schulleitungs-Stelle ist also eigentlich immer auch die Entscheidung, das eigene Privat-Leben stark einzuschränken.

Unangemessene Bezahlung

Lehrer*innen werden in Deutschland im internationalen Vergleich gut bezahlt. Das ist grundsätzlich natürlich zu begrüßen, stellt aber auch ein Problem für die Rekrutierung von Schulleitungen dar. Denn Schulleiter*innen erhalten im Vergleich zu Lehrer*innen nur einen vergleichsweise geringen Aufschlag. An großen Gymnasien und Gesamtschulen sind es zumindest noch ein paar Gehaltsstufen, die dazu führen, dass Schulleiter*innen rund 20 Prozent mehr verdienen als normale Lehrkräfte. An Primar- und Sekundarschulen ist der Sprung wesentlich kleiner. Es ist wenig verwunderlich, dass die offenen Stellen gerade hier besonders zahlreich sind.

Natürlich ist es nicht wünschenswert, dass Schulleiter*innen den Job nur wegen des Geldes machen. Aber wenn sie wie oben beschrieben große Verantwortung und große Einschränkungen des Privatlebens in Kauf nehmen, dann wäre es doch wünschenswert, wenn sie dafür eine finanzielle Kompensation erhielten, die auch nur ansatzweise dem Aufschlag in der freien Wirtschaft bei einer vergleichbaren Führungs- und Personalverantwortung entspräche.

Was Schulleitungen helfen könnte

Unter den derzeitigen Bedingungen muss man schon im positiven Sinne ein bisschen verrückt sein, um eine Schule leiten zu wollen. Das führt dazu, dass sich für viele offene Stellen keine Bewerber*innen finden oder der/die erstbeste Bewerber*in die Stellung übernimmt. Das hat direkte Auswirkung auf die Qualität von Schulen. Wer die Qualität von Schulen verbessern will, muss daher die Arbeitsbedingungen von Schulleitungen verbessern.

Entlastung durch zusätzliche Kräfte

Eine offensichtliche Möglichkeit dazu wäre, Schulleitungen zusätzliches Personal an die Seite zu stellen, das sie unterstützt. Thomas de Maizière, früherer Innenminister, nun Vorsitzender Telekom-Stiftung, schlägt etwa einen „Geschäftsführer“ vor, der Schulleitungen bei den Verwaltungsaufgaben entlastet:

Baumaßnahmen organisieren, die Schulbudgets verwalten, Computer kaufen, die Zusammenarbeit mit Sportvereinen, Musikschulen und Maker-Spaces im Ganztag organisieren. Auf dem Land könnte er die Schülerbeförderung regeln und in einer Epidemie Tests organisieren und Masken besorgen. Und natürlich den Stundenplan schreiben, das macht ja heute meist ein Mathematiklehrer. Ich bin mir sicher: Einem Schulgeschäftsführer wäre nicht langweilig. Und unsere Schulleiter könnten sich wieder stärker um die Pädagogik kümmern.“

Unterstützung bei der Verwaltung würden sich wahrscheinlich alle Schulleitungen wünschen. Die weiteren Bedarfen hängen in der Regel von den regionalen Umständen aber auch von den Stärken und Schwächen der Personen ab. Die Digital-Expertin braucht keinen IT-Berater an ihrer Seite, dafür aber vielleicht einen Projektmanager. Deshalb wäre es wünschenswert, dass Schulleiter*innen über ein eigenes Personal-Budget verfügen, so dass sie selber entscheiden können, welche Unterstützung sie brauchen.

Zeitgemäßere Personalstrukturen

Grundlage für die Aufstockung der Ressourcen wäre, überhaupt erst einmal zu erfassen, wie viel Zeit für all die Aufgaben erforderlich ist, die Schulleiter*innen derzeit erfüllen sollen. In diesem Zusammenhang scheint es dringend geboten, auch noch einmal zu prüfen, ob nicht einige der historisch gewucherten Aufgaben an anderer Stelle erledigt werden können.

In diesem Zusammenhang sollten auch die Möglichkeiten erweitert werden, Aufgaben zu delegieren – und in diesem Zusammenhang etwa die Kompetenzen von Posten in der erweiterten Schulleitung aufzuwerten – etwa bei der Personalverantwortung. Insbesondere bei Grundschulen müssen dafür mehr Leitungsstellen geschaffen werden, damit Schulleitung im Team überhaupt erst möglich wird. Dabei wäre es auch wichtig zu prüfen, inwieweit auch andere Berufsgruppen in die Leitung einer Schule eingebunden werden können, die nicht Lehrer*innen sind – etwa in der Verwaltung.

Unterstützung bei neuen Aufgaben

Auch in Zukunft werden sich sicherlich neue Aufgaben stellen. Dabei sollte künftig aber auch immer geprüft werden, welche zusätzlichen Ressourcen hier für die Schulen erforderlich sind. Eine nicht zu unterschätzende Hilfe wäre es, wenn Schulleitungen bei neuen Aufgaben automatisch zumindest immer umfangreiches Unterstützungsmaterial erhalten. Das können etwa Vorlagen für Elternbriefe oder Formulare sein, die dann individuell angepasst werden können. Hilfreich wären aber auch Empfehlungen für organisatorische Lösungen für bestimmte Verwaltungsabläufe.

Förderung von Vernetzung

Gerade weil sich die Schulleiter*innen oft mit denselben Problemen herumschlagen, wäre es sehr hilfreich, wenn gezielt die Vernetzung *innen gefördert werden würde – regional wie überregional. Dabei könnten Know-how und Best-Practice-Beispiele ausgetauscht sowie gemeinsame Ideen entwickelt werden. Mögliche Formate sind Kongresse, Barcamps, Workshops Fortbildungen oder kollegiale Hospitationen. Wünschenswert wären aber auch digitale Plattformen, auf denen Schulleiter*innen in einem geschützten Raum miteinander kommunizieren und ggf. auch Dokumente austauschen können.

Mehr Gestaltungsspielraum für Schulleitungen

Ein zentraler Faktor für die Jobzufriedenheit ist (nicht nur für Schulleiter*innen) die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Dafür ist es entscheidend, dass es pädagogische Gestaltungsspielräume gibt. In der Vergangenheit – insbesondere auch während der Corona-Pandemie, wurden Schulleitungen aber oft aktiv in ihren Bemühungen beschränkt, pädagogische und organisatorische Lösungen für die individuellen Voraussetzungen zu finden. Mehr Freiheit für Schulen würde daher mehr Freude und weniger Frust bedeuten – und so vielleicht auch dazu beitragen, die eine oder andere vakante Schulleitungs-Stelle künftig zu besetzen.

PS: Aktive Schulleiter haben inzwischen schon Rückmeldungen zu diesem Blogbeitrag geschrieben, die andere Perspektiven aufzeigen und so zu einem besseren Verständnis der Herausforderungen beitragen. Insofern absolute Leseempfehlungen:

Ein Gedanke zu „Wieso ich kein Schulleiter werden will

  1. Harald

    Sehr guter und zutreffender Beitrag. Leider trifft das alles so zu, so dass man manchmal bei Bewerber*innen auf SL Stellen sich fragt, ob hier jemand weiß, worauf sie/er sich einlässt.

    Antworten

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