Lehrer-Arbeitszeit

Lehrer-Arbeitszeit: Über gerechtere Belastung und Entlastung

Dass Lehrer*innen nachmittags frei haben, ist ein längst widerlegtes Vorurteil. Tatsächlich leiden viele Lehrkräfte unter Überlastung – und damit auch die Qualität ihrer Arbeit. Eine Artikelserie soll analysieren, wie sich die Arbeitsbedingungen von engagierten Lehrer*innen verbessern lassen. Zum Auftakt schreibe ich über Lehrer-Arbeitszeit und die gerechtere Verteilung von Belastung und Entlastung.

In einem zuvor erschienenen Blog-Beitrag habe ich „Einen Tag im Lehrerleben“ des Lehrers M. beschrieben. M. existiert nicht wirklich – und dennoch haben zahlreiche Lehrkräfte in den Kommentaren bei Twitter und unter dem Artikel bestätigt, dass die Schilderungen durchaus realistisch sind: Viele engagierte Lehrer*innen arbeiten ständig am Limit. Um ihren eigenen Qualität-Ansprüchen und den Schüler*innen gerecht zu werden, opfern sie nicht selten einen großen Teil ihres Privatlebens – und manchmal leider auch ihre Gesundheit.

Gerade in Zeiten des Lehrermangels kann es sich unsere Gesellschaft eigentlich nicht leisten, dass schlechte Arbeitsbedingungen Lehrer*innen aus dem Job treiben und potentiellen Nachwuchs von der Arbeit abschrecken. Gleichzeitig ist klar, dass Pädagog*innen derzeit nicht ihr volles Potential abrufen können: Es ist unstrittig, dass Lehrer*innen entscheidenden Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler*innen haben. Umso wichtiger ist es, dass sie die bestmöglichen Arbeitsbedingungen vorfinden.

In einer Artikelserie möchte ich in den nächsten Wochen einige Vorschläge beschreiben, wie sich die Arbeitsbedingungen für Lehrer*innen verbessern lassen könnten. Den Auftakt machen einige Überlegungen zum Thema Arbeitszeit.

Lehrer brauchen kleinere Stunden-Deputate

Lehrer wie M. leiden nicht zuletzt darunter, dass sie ihr Arbeitspensum kaum bewältigen können – sie leiden unter chronischem Zeitmangel. Dass Lehrer*innen viel Freizeit haben, wurde durch wissenschaftliche Studien mehrfach widerlegt: Arbeitszeiten von mehr als 50 Stunden sind bei vielen Lehrer*innen die Regel. Viele Lehrer*innen arbeiten deutlich mehr als andere Arbeitnehmer, um ihr Pensum bewältigen zu können. Nicht zuletzt deshalb machen derzeit Lehrer-Gewerkschaften wie die GEW und der Philologenverband gegen die Überlastung mobil.

Ein Grundproblem ist die unklare Bemessung der Arbeitszeit. Die Arbeitszeit von Lehrer*innen wird nicht in Arbeitsstunden, sondern in Unterrichtsstunden angegeben. Wie viele Stunden die Pädagog*innen pro Stunde bei einer vollen Stelle geben müssen, unterscheidet sich abhängig von der Schulform und vom Bundesland. Ein Gymnasial-Lehrer in NRW muss beispielsweise 25,5 Stunden á 45 Minuten geben. Die Kolleg*innen an Grundschulen müssen dagegen 28 Schulstunden unterrichten.

Für Nicht-Lehrer*innen hört sich das vielleicht wenig an. Allerdings beschreibt dieses Deputat nur die reine Unterrichtszeit. Alle weiteren Aufgaben von der Vor- und Nachbereitungen des Unterrichts über Korrekturen bis zur pädagogische Arbeit kommen noch oben drauf. Diese Arbeitszeit wird aber nicht genau erfasst oder vorgegeben.

In den vergangen Jahren sind viele zusätzliche Aufgaben und Herausforderungen dazu gekommen, ohne die Stundenzahl zu senken. Die Lehrerkräfte werden nun vor die Qual der Wahl gestellt: Vernachlässigen sie den Unterricht oder andere Aufgaben? Das bedeutet aber eben auch oft, den Bedürfnissen von Schüler*innen nicht gerecht zu werden.

Der Versuch alle Aufgaben mit hoher Qualität zu erledigen, führt fast zwangsläufig in den Burn-Out. Daher reduzieren viele Lehrkräfte freiweillig ihre Stundenzahl. Sie verzichten auf Geld, um bei guter Gesundheit und zufrieden mit dem eigenen Schaffen ihr Soll zu erfüllen. In Zeiten von Lehrermangel denken Politiker daher schon darüber nach, die Teilzeit-Optionen von Lehrer*innen zu beschneiden.

Sinnvoller wäre eine allgemeine Absenkung der Pflichtstunden: Tatsächlich ist das Stundendeputat im internationalen Vergleich hoch. In China etwa beträgt es nur zwischen 11 und 16 Stunden. Der Pisa-Papst Andreas Schleicher empfiehlt zum Beispiel ausdrücklich, die Pflichtstundenzahl zu senken, um die Unterrichtsqualität zu erhöhen.

Dies ist nicht zuletzt sinnvoll, damit Lehrer*innen auch wieder Zeit und Muße habe, neue Ideen zu entwickeln. Die besten Projekte entstehen an Schulen meiner Erfahrung nach, wenn Lehrkräfte und Schüler*innen Freiräume haben und ohne Leistungsdruck kreativ und engagiert zusammen arbeiten können. Im Berufsalltag ist Kooperation meiner Erfahrung nach nur sehr, sehr selten möglich, da schlichtweg Zeitfenster dafür fehlen.

Genauere Erfassung der Lehrer-Arbeitszeit erforderlich

Eigentlich liegt es in der Verantwortung des Arbeitgebers Überlastung zu vermeiden. Eine genauere Zeit-Erfassung böte die Chance Überlastungen frühzeitig zu erkennen und Kolleg*innen vor freiwilliger Selbstausbeutung zu schützen. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass sich Arbeitgeber um eine Erfassung der Arbeitszeit kümmern müssen. Deshalb arbeitet die Bundesregierung derzeit an einem Gesetz zur Erfassung von Arbeitszeit. Doch während die Wirtschaft schon über Lösungen nachdenkt, ist an den Schulen noch keinerleich Bemühen erkennbar, Arbeitszeiten zu erheben.

Derzeit werden beispielsweise Überstunden so gut wie gar nicht erfasst. Mehrarbeit wird etwa in NRW nur vergütet, wenn es sich um „Unterrichtstätigkeiten handelt“ – zum Beispiel Vertretungsunterricht. Alle sonstigen Tätigkeiten sind keine Mehrarbeit. Wer also mehr Zeit in die Unterrichtsvorbereitung oder die Beratung von Eltern und Schüler*innen investiert, tut dies auf eigene Rechnung.

Umso wichtiger wäre es, die Arbeitszeit von Lehrer*innen unabhängig von ihrer Tätigkeit zu erfassen. Das wird sicherlich eine große Herausforderung. Zum einen erledigen die Pädagog*innen aufgrund der fehlenden Arbeitsplätze in der Schulen einen großen Anteil ihrer Arbeit zu Hause. Zum anderen ist vollkommen unklar was passieren würde, wenn ein Lehrer frühzeitig das ihm zumutbare Arbeitspensum erfüllt hat.

Lasten müssen gerechter verteilt werden

Eine Erfassung könnte auch Ausgangspunkt für eine gerechtere Verteilung der Lasten sein. Denn derzeit führt die feste Bindung der Arbeitszeit an für alle Lehrer gleiche Stundendeputate zu einer oft unfairen Verteilung der Belastung. Es macht zum Beispiel wegen der Korrekturbelastung einen großen Unterschied, ob man die Fächerkombination Deutsch/Englisch oder Religion/Sport unterrichtet. Bislang bleiben solche Diskrepanzen aber in der Regel unberücksichtigt.

Eine Ausnahme bildet Hamburg. Hier wurde versucht, bei den Unterrichtsdeputaten auch andere Aufgaben und zum Beispiel die Fächer zu berücksichtigen, um die Lasten gerechter zu verteilen. Sport-Lehrer*innen müssen in Hamburg daher mehr Stunden geben als Deutsch-Lehrer*innen. Auch wenn die Hamburger Lösung sicherlich im Detail diskutiert werden kann, wäre es doch wünschenswert, wenn auch andere Bundesländer diesem Vorbild folgen würden.

Zudem sollten die Schulleitungen mehr Spielräume halten, Kolleg*innen mit besonderen Aufgaben zu entlasten. Zwar verfügen Schulen über einen Pool von sogenannten Entlastungs- oder Anrechnungsstunden, mit denen sie die Unterrichtsbelastung von Kolleg*innen reduzieren können, die besondere Tätigkeiten ausüben. Damit Schulleitungen hier wirklich die Leistungsträger entlasten können, müssen diese Stundenkontingente aber deutlich aufgestockt werden. Derzeit sind sie nicht mehr als ein Tropfen auf einen heißen Stein: In NRW etwa erhalten die Grundschulen gerade einmal pro Stelle 0,2 Anrechnungsstunden.

Verteilung von Lehrer-Ressourcen gemäß der Bedarfe

Auch schulübergreifend müssen die unterschiedlichen Belastungen bei der Vergabe von Ressourcen genauer berücksichtigt werden. An Brennpunkt-Schulen, an denen die Schüler*innen die größte Unterstützung brauchen, müssen mehr Lehrkräfte eingesetzt werden: Die einzelnen Lehrkräfte können dann ggf. weniger unterrichten und haben mehr Zeit, sich um die vielfältigen Probleme der Schüler*innen zu kümmern, die ihnen das Lernen erschweren.

Derzeit ist leider nicht selten das Gegenteil der Fall: Weil die Arbeitsbedingungen an Brennpunkt-Schulen besonders schlecht sind, bleiben hier viele Stellen unbesetzt. Die Kolleg*innen vor Ort sind daher heillos überfordert. Auch hier ist Hamburg ein mögliches Vorbild. Hier werden Lehrerstellen und andere Ressourcen nicht nur abhängig von der Anzahl der Schüler*innen, sondern auch abhängig vom Sozialindex verteilt.

Zusätzliche Stellen alleine helfen allerdings nicht alleine, so lange man diese aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen nicht besetzen kann. Das Land NRW versucht daher die Arbeit an solchen Schulen mit Gehaltszuschlägen schmackhafter zu machen. Die Erfahrungen in Berlin mit einem ähnlichen Modell lassen aber daran zweifeln, ob mehr Geld wirklich die richtige Lösung ist.

Zusätzliche Aufgaben erfordern zusätzliche Ressourcen

Wichtiger als finanzielle Zuwendundung wäre eine Ausweitung der Ressourcen, die den aktuellen Herausforderungen angemessen ist. Die Aufgaben von Schulen und Lehrer*innen sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zahlreicher und vielfältiger geworden. Gerade in den letzten Jahren kamen mit Integration, Inklusion oder Digitalisierung komplexe Aufgaben dazu.

Expert*innen und Politiker*innen neigen in diesem Zusammenhang dazu, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Schulen einen wichtigen Beitrag zur Lösung solcher gesellschaftlicher Herausforderungen leisten sollen: das gilt zum Beispiel auch für Antisemitismus, Demokratiebildung, Europa oder Nachhaltigkeit. Wie die Lehrer*innen diese zusätzlichen Aufgaben nebenbei bewältigen sollen, sagen die Expert*innen und Politiker*innen leider selten. Daher muss fortan immer gelten: Wenn Schulen neue Aufgaben und Bildungsfelder übertragen werden, müssen auch in einem angemessenen Umfang zusätzliche personelle, sächliche und räumliche Ressourcen gestellt werden.

Fazit: Es braucht mehr Lehrer*innen

Alle oben beschriebenen Lösungsansätze haben etwas gemeinsam: Sie erfordern, dass an Schulen mehr Stellen für Lehrer*innen geschaffen werden. Und das ist auch bitter nötig: Die alten Stellenschlüssel passen schlichtweg nicht mehr zu den Anforderungen an den Schulen. Der Betrieb im Schulsystem kann derzeit nur durch die Mehrarbeit vieler Kolleg*innen aufrecht gehalten werden. Das ist in vielerlei Hinsicht ein unhaltbarer Zustand.

6 Gedanken zu „Lehrer-Arbeitszeit: Über gerechtere Belastung und Entlastung

    1. D.S. Beitragsautor

      Vielen Dank für den Hinweis. Es freut mich, dass Ihnen das so am Herzen liegt. Gerne können Sie den Text Korrektur lesen und mir dann die korrigierte Fassung per Mail schicken. Ich werde Ihre Korrekturen dann gerne beherzigen.

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  1. Konertz

    Dass die Arbeitszeit über die Unterrichtsverpflichtung hinaus nicht vorgegeben sei, stimmt ja nicht ganz. Jedes Bundesland hat eine Arbeitszeitverordnung, in der Regel sind es für uns Beamte 40 Stunden bei ca. 30 Tagen Urlaub.
    Rechne ich die Ferien komplett raus, bleibt eine Wochenarbeitszeit von etwas über 46 Stunden – das will erst einmal geschafft sein. (Und damit meine ich jetzt im Jahresmittel, das übliche Argument der zeitaufwändigen Anti-Korrektur verliert dann an Überzeugungskraft.)

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    1. D.S. Beitragsautor

      Vorab ein Hinweis: Ferien sind nicht gleich Urlaub, sondern unterrichtsfreie Zeit. Viele Kolleginnen arbeiten auch in Herbst-, Weihnachts- oder Osterferien – gerade diejenigen mit Korrekturfächern.
      Aber selbst, wenn man so rechnet: Arbeitszeiten von mehr als 46 Stunden schaffe ich und viele andere Lehrer*innen spielend. Es gibt zahlreiche Statistiken die zeigen, dass die Arbeitszeit bei vielen Pädagog*innen häufig und teilweise deutlich über 50 Stunden liegt. Es gibt da natürlich auch zahlreiche Ausnahmen. Aber das ist gerade das Problem: Das System tut wenig dafür, die Lasten gerecht zu verteilen.
      Die vielen Aufgaben sorgen dafür, dass die Qualität leidet. Eine Entlastung würde zu besseren Schulen führen. Wie schrieb ein Kollege bei Twitter: „Auch mit einem Deputat von nur 11 bis 16 Stunden (wie in China) käme ich locker auf meine 40 Stunden. Aber ich würde meine Arbeit wesentlich besser machen können und den SuS besser gerecht werden können.“

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      1. Konertz

        Mit Verlaub: Ich kenne keinen Lehrer, der in den Ferien Acht-Stunden-Tage arbeitet und das ganze zwei oder mehr Wochen lang.
        Das mit der 50-Stunden-Woche finde ich auch schwierig, da diese Angabe eben an genau der fehlenden Zeiterfassung krankt. Mir scheint, dies sind oft eher gefühlte als gemessene Werte.
        Und das sage ich als Lehrer.

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        1. D.S. Beitragsautor

          Es gibt wie gesagt zahlreiche wissenschaftliche Studien, bei denen das bereits erhoben worden ist. Es geht also eben nicht um gefühlte Werte. Aber das würde ja dann eine Zeiterfassung zeigen – wenn sie denn kommt.

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