Wortwolke Demokratie

Wie können Lehrer die Demokratie schützen?

Auf der ganzen Welt und auch in Deutschland gibt es Angriffe auf die freiheitlich-demokratische Ordnung. Digitale Medien sind dabei ein Teil des Problems – sie können aber auch Teil der Lösung sein. Ein paar Gedanken dazu, wie Schulen und Lehrkräfte die Schüler*innen fit dafür machen können, für Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat einzutreten.

Es ist ein großes Privileg, Lehrer in Deutschland zu sein: Weil wir in einer freien Gesellschaft leben, ist es unsere wichtigste Aufgabe jungen Menschen in ihrer Entwicklung zu selbständigen Menschen zu stärken. Sie dabei nicht zu belehren und zu verbiegen, erfordert nicht zuletzt die Achtung der Würde der Schüler*innen. Die Förderung ihrer Autonomie ist aber nicht zuletzt auch die Grundlage dafür, ihnen eine verantwortliche Teilhabe an unserer Demokratie zu ermöglichen

Demokratie und Freiheitsrechte sind aber nicht (mehr) selbstverständlich. In vielen Ländern auch innerhalb von Europa zeigen sich autoritäre Tendenzen und die Abkehr von rechtsstaatlichen Prinzipien. Auch in Deutschland offenbart sich immer wieder durch Bewegungen wie Pegida ein Hass auf Minderheiten und auch auf staatliche Institutionen. Die Ablehnung wird dabei nicht selten von Lügen und Halbwahrheiten befeuert.

Welche Kompetenzen braucht es zur Verteidigung der Demokratie?

Ich frage mich oft, wie ich als Lehrer darauf reagieren kann und soll. Welches Wissen und welche Kompetenzen brauchen Schüler*innen, um nicht nur ein gutes Leben in unserer Gesellschaft zu führen, sondern auch dazu in der Lage zu sein, die Errungenschaft einer freiheitlich-demokratischen Ordnung gegen Bedrohungen zu verteidigen? Dies ist ja ein zentraler Teil unseres im Schulgesetz festgeschriebenen Bildungsauftrags.

Die Antwort auf diese Frage ist deshalb so schwierig, weil wir als Lehrkräfte selbst mitten in diesen komplexen gesellschaftlichen Veränderungen stecken. Umso wichtiger erscheint es mir, sich auch als Lehrkraft mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen zu beschäftigen. Erst wenn man die Probleme und mögliche Lösungen besser versteht, kann man als Lehrer*in den Unterricht, aber auch die Schule insgesamt, entsprechend gestalten. Ich habe auf der Basis einiger Sommer-Lektüren einige Aspekte zusammen getragen, die mir für die Bildung der Schüler*innen in diesen Zeiten wichtig erscheinen.

Informationsflut im Netz

Eine wichtige Grundlage für das Zusammenleben in Autonomie und Demokratie ist Meinungsfreiheit. Das Internet hat dafür gesorgt, dass der Zugang zu Informationen und Meinungen viel einfacher geworden ist. Das kann ein Segen sein. Die Informations- und Meinungsflut ist aber nicht uneingeschränkt positiv, wie der Philosophie-Professor Michael Hampe in seinem Buch „Die dritte Aufklärung“ analysiert:

„Wir können heute unsere Köpfe ohne Probleme bis zum Rand mit Meinungen füllen, die auf sehr unwahrscheinlichen, aber für manche relativ unterhaltsamen Geschichten beruhen, so wie wir unsere Mögen mit Marshmallows und Hamburgern füllen könnnen. Das bekommt weder unserer geistigen noch unserer körperlichen Verfassung gut. Ja, die Überfüllung unseres Geistes mit nutzlosen Meinungen ist sogar gefährlich für unser Leben, weil sie uns den Sinn für die orientierende Bedeutung von Wahrheiten raubt.“

(Hampe, 2018, S. 27)

Dass Wahrheit an Bedeutung verloren zu haben scheint, zeigt nicht zuletzt der Erfolg von Donald Trump. Der amerikanische Präsident hat laut der Washington Post in den ersten 928 Tagen im Amt 12.019 falsche oder irreführende Aussagen gemacht – das sind im Schnitt rund 13 pro Tag (Stand: 12.. August 2019).

Dabei nutzt Trump nicht zuletzt auch den Kurznachrichtendienst Twitter. Dank der sozialen Medien ist es nicht nur für den amerikanischen Präsidenten leichter geworden, falsche Informationen zu verbreiten. Das liegt auch daran, dass die klassischen Medien in den Augen vieler Menschen ihre Funktion als Garanten für Qualitätssicherung verloren haben. Das liegt nicht zuletzt daran, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk oder Zeitungen in den vergangenen Jahren an Vertrauen verloren haben.

Der Blick auf die veränderte Medien-Landschaft zeigt: Bildung lässt sich inzwischen nicht mehr auf die analoge Welt beschränken. Da die Digitalisierung alle Lebensbereiche erfasst, muss beim Nachdenken über Bildung immer auch die digitale Sphäre in den Blick genommen werden.

Meinungsbildung müssen Schüler*innen lernen

In einer Zeit in der unter Verweis auf Meinungsfreiheit menschenverachtende Parolen und Falschinformationen verbreitet werden, ist es umso wichtiger, bei Schüler*innen eine sorgfältige Meinungsbildung zu fördern und vor allem den Unterschied zwischen Meinung und Wissen zu sensibilisieren.

Wichtig ist dafür, den Schüler*innen einen Grundstock an Wissen zu vermitteln. Schüler*innen müssen in der Schule lernen, was die Würde des Menschen bedeutet und warum die Institutionen des Rechtsstaats unerlässlich für ihren Schutz sind. Gesellschaftswissenschaften wie Politik, Geschichte oder Philosophie müssen dafür gestärkt werden. Dabei sollte die Demokratie-Bildung eine wichtigere Rolle spielen.

Es erschwert die Wissensvermittlung in der Schule, dass sich das Tempo ständig erhöht, mit dem unsere Gesellschaft neue Informationen, Meinungen und Wissen erzeugt. Schüler*innen müssen deswegen auch lernen, wie sich selber belastbares Wissen aneignen können:

„Wissen aber wird dadurch hervor gebracht, dass man Meinungen in bestimmten Verfahren überprüft. Die Ausführungen dieser Verfahren, der sogenannten Wahrheitspraktiken, ist mühsam und zeitraubend. Aber an ihrem Ende steht etwas verlässlicheres als Meinung: Wissen.

(Hampe 2018, S. 25)

Um die Schüler*innen fit für die Zukunft zu machen, ist es daher nicht nur wichtig Wissen zu vermitteln, sondern sie auch in die Lage zu versetzen, selbständig Informationen und Meinungen mit Hilfen von Wahrheitspraktiken in Wissen zu überführen.

Persönliche Lernnetzwerke fördern Wissen

Eine wichtige Wahrheitspraktik ist der Diskurs mit anderen Menschen: Wenn man eigen Positionen in der Debatte mit anderen hinterfragt, hilft das, eigene Vorurteile und Denkfehler zu entlarven. Durch andere Perspektiven wird zudem der eigene Standpunkt erweitert.

Dabei erlauben soziale Medien die Bildung von Persönlichen Lernnetzwerken (PLN), die weit über das direkte Umfeld hinaus reichen (mehr dazu im Blog von Lisa Rosa). Insofern ist es wichtig, dass Schüler*innen in der Schule fit gemacht werden, wie sie das Internet und insbesondere die sozialen Medien zur Meinungsbildung und zum Wissenserwerb nutzen können. Es kann daher keine Lösung sein, Smartphones grundsätzlich aus der Schule zu verbannen. Im Gegenteil: Lehrer*innen sollten Schüler*innen zeigen, wie sie die digitalen Medien nutzen können, um zu lernen oder politisch aktiv zu werden, statt nur Zeit tot zu schlagen.

Natürlich ist es auch erforderlich, die Kommunikation in den sozialen Medien kritisch zu reflektieren. Welche Grenzen haben Twitter, Instagram oder Facebook? Inwiefern fördern sie auch die Verbreitung von nutzlosen Informationen, bergen Manipulationsrisiken und lenken von den wirklichen Problemen ab? Gerade weil viele Eltern selbst überfordert sind, müssen Schulen und Lehrkräfte hier aktiv werden.

Debattenkultur fördern, Argumente prüfen – eigene Fehler erkennen

Unabhängig davon ist es nicht zuletzt auch zur Stärkung einer demokratischen Debattenkultur wichtig, die dafür nötigen Fähigkeiten zu fördern. Eine Möglichkeit ist es, „Jugend debattiert“ an der Schule einzuführen. Besonders sinnvoll ist die Teilnahme an dem bundesweiten Debatten-Wettbewerb, wenn das Training für alle Schüler*innen verbindlich fest im Unterricht verankert wird. Für die Lehrkräfte gibt es praxisnahe Fortbildungen und bewährte Unterrichtsmaterialien.

Egal ob die Kommunikation online oder vis-à-vis stattfindet – bei der Prüfung von Aussagen ist es wichtig fehlerhafte Schlüsse und Argumente zu durchschauen. Nicht nur Rechtspopulisten nutzen oft Scheinargumente, die nur auf den ersten Blick überzeugend sind: Beliebte Argumentationsmuster sind dabei Whataboutism, Strohmann-Argumente oder Themen-Hopping.

Schüler*innen sollten in der Schule lernen, solche Muster zu erkennen, Gegenstrategien zu entwickeln und selbst zu vermeiden. Einen einfachen Einstieg bietet etwa „Sag was!“ von Philipp Steffan. Eine wertvolle Online-Ressource zu Fehlschlüssen aller Art ist auch das Wiki „Ad hominem Info“, an dem Sascha Leib arbeitet.

Wichtig ist im Diskurs nicht zuletzt die Fähigkeit, eigene Fehler einzugestehen und widerlegte Positionen aufzugeben. Schulen und Lehrer*innen können dazu beitragen, indem sie eine Lernkultur fördern, in der Fehler keine Problem sind, sondern die Möglichkeit zu lernen und sich zu verbessern (siehe dazu den Artikel in meinem Blog „Warum Schüler nicht aus ihren Fehlern lernen können“).

Wissenschaft von Verschwörungstheorien unterscheiden

Die vielleicht wichtigsten und verlässlichsten Wahrheitspraktiken zur Verifizierung von Meinungen sind die wissenschaftlichen Methoden. Da natürlich die wenigsten Menschen Fragen selber wissenschaftlich klären können, ist es wichtig ihnen Wissen an die Hand zu geben, um Wissenschaft von Pseudo-Wissenschaft zu unterscheiden.

Wissenschaftstheorie sollte daher ein wichtiger Bestandteil im natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht sein. Dank der Initiative Ring-a-Scientist lassen sich Wissenschaftler per Video-Konferenz in den Klassenraum schalten, die ihre Arbeit erklären können. Besonders wichtig ist es zu verstehen, wie Verschwörungstheorien funktionieren. Eine hilfreiche Übersicht dazu liefert zum Beispiel Michael Butter in seinem Buch „Nichts ist, wie es scheint“, das auch besonders günstig über die Bundeszentrale für politische Bildung zu beziehen ist.

Denkfehler vermeiden lernen

Bei der Meinungsbildung ist es unerlässlich nicht nur mit Informationen von außen, sondern auch mit dem eigenen Denken kritisch umzugehen. Das ist gar nicht so einfach – selbst wenn uns Menschen etwas eindeutig und einleuchtend erscheint, können wir einem Irrtum unterliegen. Wie ich schon im Blog beschrieben habe, wäre es künftig wichtig für die Schüler*innen in der Schule zu lernen, wie sie solche Denkfehler vermeiden – auch um besser gegen Menschen gewappnet zu sein, die diese ausnutzen, um andere zu manipulieren.

Es ist empirisch sehr gut erforscht, zu welchen Fehlschlüssen Menschen neigen. Forscher wie Richard Kahnemann (Buch „Thinking Fast and thinking slow“Talk bei Youtube), Dietrich Dörner („Die Logik des Misslingens“) oder Hans Rosling ( Buch „Factfulness“ – Ted-Talk) haben populärwissenschaftlicheoder Bücher verfasst, in denen sie die Begrenztheit unseres Denken eindrucksvoll beschreiben. Die gut belegten Erkenntnisse sollten ihren Weg in die Curricula der Schulen finden.

Hass entgegen treten

Viele unserer Denkfehler resultieren aus Emotionen. Deswegen ist es wichtig in rationalen Diskursen auch die emotionale Seite zu verstehen. Viele Debatten werden derzeit nicht von Argumenten, sondern von Hass geprägt. Dieser bezieht sich nicht nur auf einzelne, sondern auch auf die Institutionen des Rechtsstaates. In ihrem Buch „Gegen den Hass“ weist die Schriftstellerin Carolin Emcke darauf hin, wie wichtig es ist, diess Phänomen genau zu analysieren:

„Dem Hass begegnen lässt sich nur durch das, was dem Hassenden abgeht: genaues Beobachten, nicht nachlassendes Differenzieren und Selbstzweifel. […] Hass und Gewalt nicht allein zu verurteilen, sondern in ihrer Funktionsweise zu betrachten heißt dagegen, immer auch zu zu zeigen, wo etwas anderers möglich gewesen wäre, wo sich jemand anders hätte entscheiden können, wo jemand hätte einschreiten können, wo jemand hätte aussteigen können“

(Emcke 2016, S. 11)

Umso wichtiger ist für Schüler*innen zu lernen, wie Hass Diskurse prägt und wie er sich gezielt schüren lässt. Auch hier spielen die sozialen Medien eine nicht unerhebliche Rolle: So wurden und werden immer wieder Fake-Accounts genutzt, um mit Hilfe von Falschinformationen Menschen gegeneinander aufzubringen.

Auch hier besteht ein direkter Zusammenhang zur Förderung der Medienkompetenzen: Schüler*innen müssen lernen, wie sie Fakes erkennen. Das verstehen sie meiner Erfahrung nach am nachhaltigsten, indem sie selber Fakes produzieren: So können sie zum Beispiel mit dem Firefox-Addon X-Ray Goggles spielend einfach Websites fälschen (beschrieben im Blog von Dejan Mihajlovic) oder eigene Twitter-Bots erstellen (erklärt im Podcast von Guido Brombach). Alternativ können Lehrer*innen mit Hilfe der Initiative Lie Detectors auch professionelle Journalisten als Untersützung in den Klassenraum holen, die dann entsprechende Unterrichtseinheiten gestalten.

Carolin Emcke weist aber auch darauf hin, dass es nicht genügt, dass Menschen den Hass verstehen, sondern dass sie ihm auch aktiv entgegen treten müssen:

„Den Hassenden den Raum zu nehmen, sich ihr Objekt passgenau zuzurichten, dafür sind wir alle als Zivilgesellschaft zuständig. Das lässt sich nicht delegieren. […] Vielleicht ist der wichtigste Gestus gegen den Hass: sich nicht vereinzeln zu lassen. Sich nicht in die Stille, ins Private, ins Geschützte des eigenen Refugiums oder Milieus drängen zu lassen Vielleicht ist die wichtigste Bewegung die aus sich heraus. Auf die anderen zu. Um mit ihnen gemeinsam wieder die sozialen und öffentlichen Räume zu öffnen.“

(Emcke 2016, S.12)

Das ist auch an Schulen möglich. So gibt es etwa Initiativen wie „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, die die Auseinandersetzung mit Hass und Rassismus in die Schulen bringen. Die Beschäftigung mit solchen Themen sollte dabei nicht nur ein Feigenblatt sein, sondern für alle Schüler*innen möglichst fest in den schulinternen Curricula verankert werden, damit Schüler*innen den fadenscheinigen und hasserfüllten Argumenten von Rassisten begegnen können.

Dabei sollte es nicht bei einem Bekenntnis gegen den offensichtlichen Rassismus von Rechtsradikalen bleiben. Schule sollte auch dazu beitragen, dass Schüler*innen den eigenen Alltags-Rassismus kritisch reflektieren lernen. Einen interessanten Einstieg in das Thema bietet etwa das Buch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette.

Pluralismus und Begegnungen ermöglichen

Es ist aber nicht nur wichtig, Minderheiten vor Hetze und Angriffen zu verteidigen. Vielmehr sollten Schulen aktiv vermitteln, dass Vielfalt wünschenswert ist. Der Umgang mit unterschiedlichen Menschen schult soziale Kompetenzen, erweitert den eigenen Horizont und trägt so zur Bildung der eigenen Persönlichkeit bei. Für Carolin Emcke ist Pluralität nicht zuletzt auch ein Grund, warum man sich in unserer Gesellschaft wohl fühlen kann:

„Solange ich diese Verschiedenheit im öffentlichen Raum sehe, so lange weiß ich auch die Freiheitsräume gewahrt, in denen ich als Individuum mit all meinen Eigenheiten, meinen Sehnsüchten, meinen möglicherweise abweichenden Überzeugungen oder Praktiken geschützt werde. […] Eine Gesellschaft, die sich als ausdrücklich offene und inklusive definiert und sich beständig selbstkritisch befragt, ob sie das wirklich in ausreichendem Maße ist, eine solche Gesellschaft erzeugt das Vertrauen nicht willkürlich ausgegrenzt oder angegriffen zu werden.“

(Emcke 2016, S. 119f)

Umso wichtiger erscheint mir, die Pluralität an Schulen zu fördern: Begegnungen mit Menschen, die anders sind als man selbst, bauen Vorurteile und ab und verringern so die Polarisierung in der Gesellschaft. Diese „Kontakthypothese“ wurde mehrfach wissenschaftlich untersucht und belegt.

Schon allein einfache politische Gespräche können einen Beitrag leisten. Darauf weist zumindest eine Untersuchung des Verhaltensökonoms Armin Falk hin, die er im Rahmen der Aktion „Deutschland spricht“ durchgeführt hat. Der Wissenschaftler fordert im Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ auf der Basis seiner Erkenntnisse unter anderem, dass „die Politik Ungleichheiten abbaut, um die Trennung der Lebenswelten zu verringern. Elternhaus und sozioökonomischer Status bestimmen in Deutschland in skandalöser Weise den Bildungserfolg, zum Beispiel die Aufnahme an einem Gymnasium. Das ist ungerecht und ineffizient zugleich und zementiert die Polarisierung.“

Es gilt also das gegliederte Schulsystem in seiner jetzigen Form zu hinterfragen, das nachweislich die soziale Spaltung verstärkt. Und es braucht bessere Rahmenbedingungen für die Inklusion. Unter den derzeitigen Bedingungen wird die Schule als möglicher Raum für Begegnungen eingeschränkt und fungiert sogar als Werkzeug zur Ausgrenzung. Umso wichtiger ist es in den Schulen selber klassen- und jahrgangübergreifende Begegnungen zu ermöglichen und innerhalb von Kommunen die Vernetzung zwischen verschiedenen Schulformen zu fördern.

Zivilcourage und politisches Engagement fördern

Hass entgegen zu treten erfordert nicht zuletzt Zivilcourage. Diese Eigenschaft ist ohne Zweifel eines der Bildungsziele vieler Schulen – nicht umsonst sind die Geschwister Scholl die häufigsten Namensgeber für deutsche Schulen. Umso wichtiger ist aber eine Schul- und Lernkultur zu befördern, in der auch die geltenden Regelungen und das Handeln von Lehrer*innen hinterfragt werden: Wer Schüler*innen zu Widerspruch erziehen will, muss diesen auch selbst ertragen. Dazu sollten die Türen des Lehrerzimmers und der Schulleitung auch für Schüler*innen offen stehen, wenn diese Missstände benennen wollen.

Demokratie lebt ganz grundsätzlich vom Engagement der einzelnen. Es ist insofern wichtig, dass Schulen das politische Engagement von jungen Leuten nicht einschränken, sondern fördern. Schülervertretungen fristen an vielen Schulen ein Schattendasein. In einer demokratischen Gesellschaft sollten sie eines der zentralen Bildungswerkzeuge sein, dass besondere Förderung erfährt und im Zweifelsfall auch mal Vorrang vor Fachunterricht hat.

Auch bei der Etablierung von Schüler-Partizipation kann die Digitalisierung helfen: Projekt Aula bietet eine digitale Plattform, um Jugendbeteiligung in der Schule zu erleichtern. Dazu gehört aber auch eine Öffnung der Schule zur Kommune hin: Die Initiative Jugend.beteiligen.jetzt unterstützt die digitale Partizipation auf kommunaler Ebene.

Die Einbindung ist umso wichtiger, weil meiner Erfahrung nach bei Schüler*innen immer wieder ein Fatalismus um sich greift á la „Wir können ja doch nichts ändern.“ Wenn Schüler*innen in der Schule und ihrer Kommune die Erfahrung machen, dass sie ihre Lebenswelt gestalten können, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie aktiv werden – bestärkt durch die positive Erfahrung von Selbstwirksamkeit. Dafür braucht man keine Projekt-Woche oder außerunterrichtliche AGs. Vielmehr ist eine Öffnung des Unterrichtes nach außen auch im normalen Fachunterricht möglich – zum Beispiel durch Projektunterricht.

Solidarität als Teil eines guten Lebens erlebbar machen

Grundlage für politisches und ehrenamtliches Engagement ist Solidarität – auch mit Menschen, die anders sind. Der Soziologe Heinz Bude beschreibt die Bedeutung von Solidarität in seinem gleichnamigen Buch so:

„Solidarität berührt mein Verständnis von Zugehörigkeit und Verbundenheit, meine Bereitschaft, mich den Nöten und den Leiden meiner Mitmenschen zu stellen, und mein Gefühl der Verantwortung und Bekümmerung für das Ganze.“

(Bude 2019, S.22)

Die Förderung einer solidarischen Haltung bei Schüler*innen ist unerlässlich, wenn wir sie auf ein gutes Leben in einer globalisierten Welt vorbereiten wollen. Denn viele der Probleme, denen wir uns heute stellen müssen, lassen sich nur gemeinsam in einem möglichst großen Kollektiv lösen. Für globale Herausforderungen wie den Klimanwandel, ist eine Solidarität erforderlich, die weit über Landesgrenzen hinaus reicht. Dies ist eine schwierige Aufgabe – erfordert sie doch letztlich das Wir-Gefühl, das Solidarität zugrunde liegt, auf die ganze Menschheit und womöglich sogar darüber hinaus auf unser Ökosystem auszuweiten.

Auf den ersten Blick bringt eine solche Solidarität für den Einzelnen Nachteile: Er muss ich für das Wohl der Gemeinschaft oft einschränken. Doch Solidarität kommt letztlich nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch jedem Menschen zu gute.

„Solidarität ist eine Möglichkeit jedes Einzelnen. Man kann sie verwerfen, sie nutzen oder politisch oder wirtschaftlich ausschlachten. Man kann sich ihr aber auch verpflichten, weil man dadurch sein eigenes Leben reicher und lebendiger macht.“

(Bude 2019, S.14)

Auch hier gilt: Die Einsicht, dass ein Leben in Solidarität ein reicheres Leben ist, lässt sich nur durch Erfahrung gewinnen. Insofern gilt es auch hier Räume in der Schule zu schaffen in denen dies möglich ist. Vor einiger Zeit habe ich mir im Blog schon Gedanken gemacht, wie sich Solidarität fördern lassen könnte.

Interkulturelle Bildung als Grundlage für Solidarität

Eine globale Solidarität setzt laut dem Philosophen Michael Hampe jedoch eine interkulturelle Bildung voraus:

„Erst eine gründliche Verständigung über gemeinsame Möglichkeiten und Ziele kann zu einem bewussten kollektiven Handeln führen. Doch eine solche Verständigung setzt Bildung voraus. […] Eine Vielheit von verschiedenen Menschen nur zu einer Einheit sich selbst bewussten Einheit zusammenkommen, wenn sie aus Personen besteht, die die Unterschiede zwischen sich und den anderen verstehen, die kommunikationsfähig sind. Das ist ohne Bildung, in der fremde Sprachen und Kulturen füreinander transparent werden, nicht möglich.“

(Hampe 2018, S. 15)

Voraussetzung für die Kooperation ist dabei auch die Fähigkeit, sich in die jeweils anderen Perspektiven hinein versetzen zu können. Das ist zum Beispiel durch eine Anpassung der Unterrichts-Inhalte denkbar. Carolin Emcke empfiehlt etwa die Lektüre von Autoren mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln:

„Es geht nicht darum, Büchner und Wieland abzuschaffen, aber eben doch auch mal Orhan Pamuk oder Dany Laferrière oder Terézia Mora oder Slavenka Drakulić zu lesen. Diese Texte sind nicht allein für die Kinder aus migrantischen Familien elementar, die vielleicht die Erfahrungsräume ihrer Eltern und Großeltern darin erkennen können und sie aufgewertet sehen. Das ist auch wichtig. Aber sie sind vor allem für die anderen Kinder relevant: weil sie lernen über das Naheliegende, das Bekannte hinaus eine neue Welt zu imaginieren und zu entdecken. Es ist auch eine Übung in Perspektivenwechsel und Einfühlung.“

(Emcke 2016, S. 127)

Schule sollte aber nicht nur diesen indirekten Zugang zu anderen Kulturen fördern, sondern auch interkulturelle Begegnungen ermöglichen. Das Internet kann dabei eine Hilfe sein, indem zum Beispiel im Fremdsprachen-Unterricht Klassenzimmer grenzübergreifend per Videokonferenz verbunden werden, wie es etwa Adriane Langela und das „Team Glas“ am St. Leonhard Gymnasium in Aachen vormacht. Dabei bleibt es nicht nur bei virtuellen Begegnungen: Teil des Konzepts sind auch reale Begegnungen. Die Förderung solcher On- und Offline-Austausche sollte an allen Schulen gefördert werden.

Fazit: Lehrerkräfte für Demokratie

Bildung kann einen Beitrag leisten, gesellschaftliche Entwicklungen entgegenzutreten, die unsere freiheitlich demokratische Ordnung gefährden. Ich habe versucht einige Ideen zusammen zu tragen, wie Schulen und Lehrkräfte hier aktiv werden können, um Schüler*innen zu stärken. Wer weitere Ideen hat, ist herzlich eingeladen, diese in den Kommentaren zu hinterlassen. Ich freue mich über Anregungen, Hinweise und auch konstruktive Kritik.

Ohnehin muss es nicht immer das große Projekt sein: Manchmal genügt es einfach, die Themen im Unterricht anzusprechen und als Vorbild klar Stellung zu beziehen: gegen Hass und Lügen – für Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat und Menschenwürde.

Literatur

Als Grundlage für meine Überlegungen dienten mir unter anderem einige Bücher. Bei Zitaten im Blogbeitrag beziehen sich die Seitenzahlen auf die E-Book-Ausgaben:

Budde, Heinz (2019): Solidarität: Die Zukunft einer großen Idee, München: Hanser-Verlag.

Butter, Michael: „Nichts ist, wie es scheint“: Über Verschwörungstheorien, Berlin: Suhrkamp Verlag.

Emcke, Carolin (2016): Gegen den Hass, Frankfurt am Main: Fischer Verlag.

Hampe, Michael (2018): Die dritte Aufklärung, Berlin: Nicolai Publishing.

Ogette, Tupoka (2018): Exit Racism: rassismukritisch denken lernen, Münster: Unrast Verlag.

Steffan, Philipp (2019): Sag was!, Hamburg: Oetinger Taschenbuch Verlag

Einen ersten Einblick in die lesenswerten Bücher liefern folgende Interviews mit den Autoren:

Ein Gedanke zu „Wie können Lehrer die Demokratie schützen?

  1. Tobias Lutterbeck

    Ein toller Artikel, der mich wieder einmal darin bestärkt, als Geschichts- und Philosophie-Lehrkraft aktiv genannte Kompetenzen und Themen in den Fokus zu nehmen. Vielen Dank dafür. Zwei Anmerkungen möchte ich machen, da ich diese beiden Aspekte nur am Rand behandelt sah:
    Zum Einen ist es tatsächlich nicht nur die Meinungsbildung, die immer wieder trainiert werden muss. Oftmals finde ich in den U-Reihen in Büchern und bei KuK leider im AFB3 nur eine Progression bis zu einer Urteilsbildung. Es ist wichtiger denn je, diese Meinungen zu hinterfragen und sich, wie es auch beschrieben wurde, Kritik zu stellen bzw. überholte und unhaltbare Standpunkte aufzugeben. Da sehe ich den Fokus der nächsten Jahre, denn die bloße Meinung, welche, wie es in meiner Schulzeit hieß, man unbedingt haben muss, ist heute schnell greifbar, manipulierbar denn je und durch die eigenen viel engeren, da vernetzteren sozialen Gruppen sowie durch die „Medienblasen“ wenig wert. Erst das Fundament, die Begründung und die Verteidigung dieser (dann mit Recht „Ansichten“ bezeichneten) Meinungen macht uns mündig, schlagfertig und resistent gegen antidemokratische und menschenfeindliche Agitation.
    Zum Anderen möchte ich nur kurz aber eindringlich davor warnen, die Verantwortlichkeit für diese wichtige Aufgabe, den SuS zu helfen, sie zu mündigen und demokratischen Bürgern zu machen, auf wenige Fächer abzuwälzen. Diese Aufgabe kann auch vorgelebt werden in Unterrichtsstruktur, transparenter Schulorganisation und Verhaltensmuster.

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